Ist Nehmen denn unseliger als Geben?

3. Februar 2015, 17:07
2 Postings

Neuer Blick auf die Moderne: Jens Ivo Engels hat eine "Geschichte der Korruption" geschrieben

Wien - Fällt das Wort "Korruption", ist man schnell bei der Moral. Mit dem zweiten Atemzug landet man sofort bei der Anthropologie: Bestechung und Bestechlichkeit sind Phänomene des Bösen und des Unethischen, der Verdorben- und Verkommenheit.

Jens Ivo Engels hat sich nun an eine Geschichte der Korruption gewagt. Und damit einen anderen Blick auf die europäische Moderne gerichtet. Dies entlang der Pole Korruption und Korruptionskritik. Hinzu kommt, dass Engels, Ordinarius für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Darmstadt, diese Historie europäisch anlegt. Merkwürdigerweise erwähnt er anfangs "bossism" und die "political machines" in den USA zwischen etwa 1790 und 1960, die ihren Höhepunkt zwischen 1870 und 1930 erlebten - Martin Scorseses TV-Serie Boardwalk Empire führt dies blendend vor. Engels lässt diese Spielart des Klientelismus dann aber ganz außer Acht.

Terminus und Faktum der Korruption bettet Engels ein in etwas, was er als "Mikropolitik" tituliert, ein System von Patronage, Netzwerk, Nepotismus, Günstlingswirtschaft und unterstützten Unterstützern. Im 17. Jahrhundert war all dies normal, "Korruption" vollzog sich allerdings in der Öffentlichkeit. Geschenke fungierten als Vehikel für Ambitionen, Gunstbezeigungen und Privilegien mittlerer bis minorer Art. Ja, der Umkehrschluss lautete damals, Korruption, welche nicht vor aller Augen praktiziert werde, sei bedenklich. Die Volte dabei: Die Basis der Unterstützer wollte versorgt sein und werden, als Machtfundament, als Unterstützergruppe, weshalb sich ein "circulus corruptus" geradezu notwendigerweise einzustellen hatte, der sich stetig wechselseitig nährte.

Interessant wird Engels' Monografie mit dem Erreichen des 18. Jahrhundert, mit den Aufklärern und liberalen Denkern. Diese luden den Korruptionsdiskurs erstmals auf mit aus der Medizin entlehnten Begriffen. Seither ist alles, was mit Patronage einhergeht, unverrückbar als verderbend gebrandmarkt und muss "gesäubert" werden.

Trennung privat/öffentlich

Die Jakobiner der Französischen Revolution um Robespierre und Saint-Just praktizierten diese Rhetorik in blutiger Praxis und fanatischer Konsequenz. Bei ihnen fiel dann erstmals überdeutlich Korruptionskritik auf jene zurück, die sie im Munde führten - weil das Einfordern einer hochmoralischen strikten Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit sie selber überforderte.

Das 19. Jahrhundert war dann ein an Bestechungsskandalen durchschnittlich reiches Jahrhundert, bis zum ganz Frankreich erschütternden und Tausende von Kleinanlegern in Not und Elend stürzenden Panama-Skandal von 1893/94. Engels' These lautet: Korruption und Mikropolitik hätten seit 1800 zu einer grundlegenden Politisierung der Bevölkerungen geführt, weil die Ansprechpersonen nun nicht mehr Angehörige des Adels im Feudalsystem waren, sondern Parlamentarier und die anwachsende Bürokratie. Diese These mutet aber nicht zwingend an. Waren nicht die via Korruption durchzusetzenden Ziele individualistisch bis egoistisch, somit apolitisch?

Engels verständlich geschriebene Darstellung (ihr fehlt leider der Wille zur flamboyanten Formulierung) ist vor allem für den Zeitraum 1830 bis 1914 erhellend. Auch wenn Engels selber zugibt, dass die von ihm ausgewählten Länder zwischen Süd- und Nordwesteuropa historisch, kulturell, geopolitisch wie demokratisch kaum sinnvoll miteinander zu vergleichen sind. Zu sehr fallen denn auch die Sektionen auseinander, wollen sich nicht zu einer überwölbenden Synthese fügen.

Zu unterschiedlich sind die philosophischen und alltagsweltlichen Kulturen gewesen, etwa jener von Großbritannien, dem einzigen Land in Europa, das im 20. Jahrhundert weder Diktatur noch Besetzung durch eine Diktatur erlebte, und Spanien, generationenlang vom System der Kaziken, lokalen Mikropolitikern, beherrscht, bei denen alle Fäden zusammenliefen.

Erstaunlich ist auch, dass die öffentlichen Debatten heutigen Datums über Korruption und Transparenz allesamt intellektuelle und teils bis zum Wortlaut idente Vorläufer im 19. Jahrhundert besitzen. In Spanien etwa die antinationalistische und sogleich in einen Re-Nationalismus zurückpendelnde Selbstkasteiung als rückständiges Land. Oder die Anklage unterschiedlicher Arbeitsethiken in Italien, wo der sich rasch industrialisierende Norden auf den wirtschaftlich lahmen Süden hinabsah. Die Zeit von 1918 bis 1940 handelt Engels eher kursorisch ab. Wo man sich ein Panorama wünscht, liefert er Skizzen und entschlägt sich dezidierter Urteile, auch über Traditionslinien nach 1945.

Fazit: Reflektieren

Wenn Engels dann allerdings in einem sich jäh und beschwingt zu teils starken Meinungen und einseitigen Urteilen (etwa über die Ursprungsgründe der Anti-Korruptions-NGO Transparency International) aufschwingenden Fazit schreibt: "Politiker sollten ihre mikropolitischen Aktivitäten nicht leugnen, sondern reflektieren", landet der Hochschullehrer dort, wo er vermutlich nie hinwollte: am Nullpunkt, in der Sackgasse nie erfahrener lebensweltlicher Praxis. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 4.2.2015)

Jens Ivo Engels, "Die Geschichte der Korruption. Von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert". € 25,70 / 432 Seiten. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2014

  • Artikelbild
    foto: matthias cremer
Share if you care.