"Blackhat": Die reale Härte eines virtuellen Krieges

4. Februar 2015, 05:30
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US-Regisseur Michael Mann schließt die scheinbar harmlose Cyberwelt mit dem harten Boden der Wirklichkeit kurz: Im Thriller "Blackhat" hat ein Hacker einen Super-GAU verursacht. Ihn gilt es zu finden

Wien - In der Not bittet selbst der Geheimdienst Feinde um ihre tatkräftige Unterstützung. Ein Hacker verschafft sich in Blackhat Zutritt zum Betriebssystem eines chinesischen Atomkraftwerks und manipuliert die Turbinen, sodass sie völlig außer Kontrolle geraten. Das Ergebnis: ein Super-GAU. Ermittler Chen Dawai (Wang Leehom) und seine Schwester Lien (Tang Wei) formen mit dem FBI eine multinationale Truppe, um den Schuldigen zu enttarnen. Doch ohne ausgewiesenen Experten für Malware, diese heimtückischen Schadprogramme, scheinen auch sie machtlos.

Neue Kriegsformen brauchen wendigere, am besten gemeinsame Strategien. Deshalb verlaufen die Fronten in Michael Manns Thriller Blackhat unübersichtlicher als üblich. Nick Hathaway (Chris Hemsworth), ein Hacker im Gefängnis (der dort französische Poststrukturalisten studiert hat), wird als Mitglied ins Team geholt - zu den latenten ideologischen Animositäten zwischen China und den USA kommt damit noch eine Portion Paranoia hinzu.

In Interviews hat Michael Mann erklärt, die Cyberwar-Attacke auf iranische AKWs per Computerwurm Stuxnet hätte die Inspiration zu seinem ersten Film seit immerhin sechs Jahren geliefert. Da überrascht es, dass Blackhat bei aller Aktualität zunächst wie ein stromlinienförmiger Genrefilm wirkt. Die Gangart, mit der die Konflikte etabliert werden und die Figuren zusammenfinden, erscheint allzu routiniert; die Coolness von Hacker Nick, der mit dem FBI wie mit einem Dorfpolizisten spricht, mutet zu ausgestellt an.

Doch Manns Qualitäten - und das macht gerade das etwas formelhafte Drehbuch von Morgan Davis Foehl deutlich - liegen woanders. Wie ein klassischer Studioregisseur, der etwas auf sich hält, vermag er auch einem mittelmäßigen Skript seine persönliche stilistische Prägung zu verleihen. Genres waren für den 71-Jährigen schon in Heat, The Insider oder Collateral Ausgangsmaterial für - zunehmend abstraktere - Weltentwürfe. Auch der Spionagethriller ist längst keine Oberflächenübung.

Die Rede ist nicht nur von Manns fluoreszierenden Architekturen, die diesmal vornehmlich in Hongkong angesiedelt sind. Sie stehen auch für eine globalisierte Landschaft ein, die eben etwas verwechselbar geworden ist. Mann interessiert darüber hinaus die existenzielle Qualität, die aus der verdeckten Arbeit der Figuren resultiert: Je länger die Truppe im Dickicht der Interessen operiert, desto isolierter, mehr auf sich allein gestellt wirkt sie. Man kommt nicht umhin, dabei an Laura Poitras' Dokumentarfilm Citizenfour zu denken, in dem der Handlungsraum der Aufdecker immens eng geworden ist.

Die Institutionen rücken im zweiten Teil des Films so auch immer mehr in den Hintergrund. Viola Davis' Figur der resoluten, aber herzlichen FBI-Agentin Carol Barrett ist ein letztes Verbindungsglied zu den alten Ordnungen, doch auch sie muss sich in einem entscheidenden Moment gegen eine Direktive aus Washington stellen. Während die staatliche Seite die eigene Überwachungstechnologie zu schützen versucht, bekommen es die wackeren Kämpfer an der anderen Front mit dem kriminellen Privatier Elias (Ritchie Coster) zu tun, der Geschäftsinteressen mit Waffengewalt wahrt.

Mann verwendet viel Mühe darauf, die virtuelle Welt umfassender als nur über flimmernde Monitore darzustellen. Die originellste Idee von Blackhat ist es, zu demonstrieren, dass die online eingeleiteten Schritte reale, in letzter Konsequenz sogar tödliche Konsequenzen haben. Die Shoot-outs des Films sind von nachgerade explosionsartiger Härte, mit unerwartet hoher Opferzahl - ein klarer Kontrapunkt zu den simulierten Realitäten auf den Bildschirmen, die vermeintlich gefahrlos anmuten.

Surreale Distanz

Je länger Blackhat also von den Auswirkungen des Cyberkrieges erzählt, desto mehr entfernt er sich von seinem geordnet erscheinenden Beginn; und desto surrealer wirkt auch die Distanz zwischen Ursache und Wirkung. Eine in Malaysia liegende Brachlandschaft kann so etwa zum rätselhaften Knotenpunkt eines ominösen Onlinegeschäfts werden. Dass die vernetzte Welt für das Kino ein Darstellungsproblem birgt, diese oft getätigte Aussage straft Michael Mann mit Blackhat jedenfalls Lügen: Er zeigt in seinen charakteristisch glatten, kühlen, auch harten Bildern, wie sich diese Parallelwelten durchdringen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 4.2.2015)

Ab 6.2. im Kino

  • Chen Lien (Tang Wei) und Nick Hathaway (Chris Hemsworth) gehören einer Truppe an, die einen gemeingefährlichen Hacker ausfindig machen soll.
    foto: ap / legendary pictures - universal pictures, frank connor

    Chen Lien (Tang Wei) und Nick Hathaway (Chris Hemsworth) gehören einer Truppe an, die einen gemeingefährlichen Hacker ausfindig machen soll.

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