Zeitversetztes Artensterben bisher stark unterschätzt

3. Februar 2015, 09:45
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Wiener Wissenschafter analysierten Arten- und Lebensraumverlust über längere Zeiträume hinweg

Wien - Die Biosphäre der Erde hat im Laufe ihrer Geschichte bereits zahlreiche Massensterbe-Ereignisse erlebt. Die aktuellste begann vor rund 8.000 Jahren und ihre Hauptursache ist der Mensch. Studien gehen davon aus, dass die momentane Aussterberate bis zu 10.000-fach über der Norm liegt. Betrachte man gleichzeitig viele Mechanismen, die zum verzögerten Aussterben führen können, zeige sich, dass der langfristige Arten- und Lebensraumverlust oft sogar noch stark unterschätzt wird, berichten Forscher nun im Fachblatt "Diversity and Distributions".

Was passiert, wenn Lebensräume stark reduziert oder räumlich abgeschnitten werden, wurde in den vergangenen 15 Jahren intensiv erforscht, erklärte der Biodiversitätsforscher Franz Essl. "Man hat beispielsweise herausgefunden, dass Jahrzehnte vergehen können, bis sich dahin gehend, wie viele Arten in dem neuen, kleineren Lebensraum existieren können, ein neues Gleichgewicht einstellt", sagte der Forscher.

Stark reduzierte Gruppen auf kleinen "Lebensrauminseln" haben insgesamt ein höheres Aussterberisiko. So kann etwa ungünstiges Klima über einen relativ kurzen Zeitraum schon zum Verschwinden solcher stark dezimierter Arten führen. Es gebe aber noch viel mehr Phänomene wie plötzlich veränderte Landnutzung und Düngereinsatz, die dazu führen, dass Arten nach Eingriffen durch den Menschen zeitlich versetzt verschwinden.

Folgenreicher als gedacht

Das Forscherteam um Essl, Wolfgang Rabitsch und Stefan Dullinger von der Universität Wien und dem Umweltbundesamt hat nun analysiert, welche Mechanismen hier eine Rolle spielen und wie diese zusammenwirken. Dabei zeigte sich, dass solche häufig schon gut verstandenen Einzelphänomene bei gemeinsamer Betrachtung zeitlich deutlich größere Folgewirkungen haben können als bisher angenommen.

Nachzeichnen lasse sich das an Insekten, die Pflanzen bestäuben. Können diese Tiere ihrer Arbeit nicht nachgehen, hat das bekanntermaßen weitreichende Effekte, etwa für den Obstbau. Wildbestäuber wie Wildbienen oder Hummeln sind stark von der Landschaftsvielfalt abhängig. Werden artenreiche Blumenwiesen durch den Einfluss des Menschen immer mehr zu "Grasäckern", wie es Essl ausdrückte, dann können sie nur schwer Zeiten überbrücken, in denen Kulturpflanzen wie der Raps gerade nicht blühen.

Schon alleine die durch den Einsatz von Düngemitteln verursachte Veränderung von vormaligen Blumenwiesen zur Rasenfläche brauche mehrere Jahre. "Das hat dann Rückwirkungen auf die Bestäuber, die durch die Düngung direkt nicht wirklich beeinflusst werden. Durch das verringerte Nahrungsangebot verschwinden sie dann aber zunehmend, und das hat dann wiederum Effekte auf die Bestäubung von Kulturflächen, die in der Nähe sind", erklärt Essl die Zusammenhänge in ihrer zeitlichen Folge.

Maßnahmen gegen langfristige Entwicklungen

Dass die Artenvielfalt zurückgeht, ist wissenschaftlich gut belegt. Es sei aber zusätzlich wichtig zu betonen, dass das Zusammenwirken mehrerer Faktoren über lange Zeiträume hinweg diese Entwicklungen zusätzlich verlängert und auch verstärkt. Politische Initiativen zur Reduktion des Verlusts an Artenvielfalt müssten daher verstärkt und besser umgesetzt werden. "Um vor allem die langfristigen Folgen abzufedern, sind die bisherigen Anstrengungen nicht ausreichend. Das zeigen auch andere Studien", resümiert Essl. (APA/red, derStandard.at, 31.01.2015)

  • Artenreiche Biotope in den Bergen - im Bild die Gosaulacke im Dachsteinmassiv - sind letzte Refugien der Artenvielfalt geworden.
    foto: franz essl

    Artenreiche Biotope in den Bergen - im Bild die Gosaulacke im Dachsteinmassiv - sind letzte Refugien der Artenvielfalt geworden.

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