"Olive Kitteridge": Nicht sympathisch, aber echt

Ansichtssache3. Februar 2015, 12:17
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Wien – Olive Kitteridge lebt in einer beschaulichen Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine. Olive ist Lehrerin, mit dem Apotheker Henry verheiratet, Mutter eines Sohnes. Olive ist ein verantwortungsvolles, geachtetes Mitglied der Gemeinde – allerdings weniger beliebt als viel mehr gefürchtet. Denn Olive ist sehr geradeaus im Sprechen und im Tun. Und weil sie einen sehr guten Blick für Menschen und Situationen hat, sind ihre Bemerkungen und Taten oft auch verletzend.

foto: sky

Olive Kitteridge ist eine der komplexesten und interessantesten Frauenfiguren der vergangenen Jahre (im Qualitätsfernsehen und mehr noch im Kino): Man muss sie nicht mögen, aber sie verlangt einem Respekt ab. Sie kann komisch sein und sich dann wieder total unmöglich verhalten. Ihre Konsequenz ist bewundernswert. Irgendwann – die Erzählung erstreckt sich nicht chronologisch in vier einstündigen Episoden über mehrere Jahrzehnte – scheint Olive dann aber mehr und mehr zu erstarren. Während man ihr früher noch beste Absichten zugutehalten konnte, wirkt sie im Alter oft bösartig. Eine Entwicklung, die Olive letztlich vor sich selbst erschaudern lässt.

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"Olive Kitteridge" war zunächst die Titelfigur eines episodischen Romans von Elizabeth Strout, der 2008 erschien und mit dem Pulitzerpreis gewürdigt wurde. Frances McDormand, Charakterdarstellerin, die nicht zuletzt mit den Filmen von ihrem Mann und ihrem Schwager, Joel und Ethan Coen, große Popularität erlangte (Fargo u. a.), sicherte sich die Verfilmungsrechte.

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Mit Drehbuchautorin Jane Anderson und Regisseurin Lisa Cholodenko (mit der McDormand 2002 schon bei Laurel Canyon zusammenarbeitete) versammelte sie zunächst ein hochkarätiges Team hinter der Kamera. Aber auch die Besetzung – neben McDormand agieren verlässliche Kräfte wie Richard Jenkins, Bill Murray, Peter Mullan, Zoe Kazan, Ann Dowd u. v. a. – ist erstklassig. Vor allem Jenkins entwickelt Henry Kitteridge sehr nuanciert als charakterlichen Gegenpol und kongeniale Ergänzung der profilierten Titelheldin.

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Infolge des anhaltenden Qualitätsserienbooms stand für dieses Liebhaberprojekt außerdem eine Form zur Verfügung, die der Figur und der Erzählung einen angemessenen Rahmen bot. Wie sagte McDormand bei der Präsentation von Olive Kitteridge im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig: "Zwei Stunden reichen nicht aus für die Erzählung eines Frauenlebens. Vier Stunden sind gut – sechs wären besser."

Ab 3. Februar immer dienstags auf Sky Atlantic HD und Sky Go, 21.00 (Isabella Reicher, DER STANDARD, 3.2.2015)

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