Moralisches Trockenschwimmen

2. Februar 2015, 17:29
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Dem Leben fern wie eine Sonntagspredigt: Khalil Gibrans "Prophet" in Villach

Villach - Dramatik darf man sich nicht erwarten, wenn einen die Neugier in die neueste Produktion der Neuen Bühne Villach treibt, wo sich der Hausherr jetzt in eigener Inszenierung 70 Minuten lang als Khalil Gibrans Prophet präsentiert. In einen derwischartigen Kaftan gekleidet, vollführt Michael Weger allerdings keine schwindelerregenden Tänze, sondern vertritt sich nur gelegentlich die Beine, um den Hauptteil des ellenlangen Textes von einem Barhocker aus zu sprechen. Mit gleichbleibend sanfter Stimme, aber schon recht eindringlich, versucht er offenbar, sein Lieblingsweisheitsbuch vom Schicksal zu befreien, nur mehr für Haus-, Sinn- und Kalendersprüche herhalten zu müssen.

Erbaulich wie eine Predigt

Ganz funktioniert das nicht. Der Rückgriff des 1931 verstorbenen libanesisch-amerikanischen Autors auf die mittelalterlich-islamische Mystik eines Rumi oder Schams von Täbris war letztlich ein philosophisches Remake. Es kann heutiges Bewusstsein punktuell hübsch überraschen, aber insgesamt hat es doch einen ziemlichen Bart.

Die Schildkröte kann den Hirsch nicht die Langsamkeit lehren, um es mit einem umgekehrten Satz von Khalil Gibran zu sagen. Es ist kein Zufall, dass die Inszenierung so weit vom Leben entfernt bleibt wie eine erbauliche Sonntagspredigt. Da helfen auch die Saxofone des Jazzers Michael Erian nicht, weil das Leben die Stille nicht untermalt, sondern, wie Rumi sagte, durch sie hindurchdringt wie ein Trompetenstoß. Was trotz des moralischen Trockenschwimmens der Produktion Brisanz verleiht, ist der Brückenschlag, den Khalil Gibrans Prophet zwischen den Weltreligionen vornimmt. Seine Einsichten sind sozusagen ein Best-of aus dem Sufismus des Islam wie aus der christlichen und jüdischen Mystik oder der asiatischen Weisheit.

Im Gegeneinander heutiger Machtinteressen ist allein schon die Möglichkeit eines solchen interkulturellen Nährbodens bemerkenswert. Auch wenn natürlich all die Strömungen, aus denen Gibran schöpfte, in ihren Entstehungsgebieten unter Häresieverdacht standen und dieser kuriose Freigeist ja weder Singvögel in Käfige noch menschliches Denken in Glaubenslehren gesperrt sehen wollte. (Michael Cerha, DER STANDARD, 3.2.2015)

Bis 21.2.

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