Das Paradies liegt im Bunker

2. Februar 2015, 17:24
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Bunkerstimmung mit Joonas Lahtinen im Theater Brut unter der St.-Ursula-Kirche: "Yoyo - You Are On Your Own"

Wien - Der Optimismus erlebt zurzeit eine Konjunkturschwäche. Der Wirtschaft schadet es nicht, denn das Publikum neigt in pessimistischen Zeiten zu einem tröstlichen Kompensationskonsum.

Im Rahmen des Dystopieschwerpunkts "Brave New World" des Theaters Brut führt der finnisch-österreichische Künstler Joonas Lahtinen in die Enge eines Bunkers. Es gilt die Annahme, dass sich zuvor eine Katastrophe ereignet hat.

Im Schutzraum unter der Musik-Uni wartet eine richtige Eutopie, ein Idealzustand. Noch dazu ist Yoyo - You Are On Your Own, so lautet der Titel der Arbeit, in einer einstigen Kirchengruft zu erfahren. Einem Ort, an dem Verstorbene auf den Jüngsten Tag warteten. Was der Endzeitstimmung, die viele nur als Hollywoodinszenierungen kennen, eine sakrale Note verleiht.

Wie erhebend. Denn Untergangsstimmungen haben die Eigenschaft, vor allem Stimmungen zu sein. Sie können sich als Euphorie oder Depression äußern.

Das Brut-Thema der "Schönen Neuen Welt" nach dem berühmten Buch von Aldous Huxley hatte bereits entsprechende Arbeiten im Programm. Etwa Doris Uhlichs Universal Dancer. Das Solo war zwar künstlerisch ein Unfall, aber doch hart am Sakralen als Demonstration der größenwahnsinnigen Ohnmacht einer verschonten Generation.

Im Gegensatz dazu Ágota Kristófs Das große Heft in der szenischen Umsetzung von Forced Entertainment. Die gebürtige Ungarin verarbeitete echte Krisenerfahrungen. Wie aber vermeidet man im Ernstfall jene emotionale Verhärtung, die Kristóf so kompromisslos schildert? Schauen wir im Bunker nach.

Da zeigt Nikko Niemistö, wie man sich's in beengten Verhältnissen nett machen könnte, um bei Verstand zu bleiben, den man vor dem Bunkergang vielleicht hatte. Und wie nett es sein kann, diese Schutzraumexistenz als Metapher für das zu lesen, was sich als Lebensgefühl in die Gegenwart schleicht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.2.2015)

MDW, Seilerstätte 26, 3.-6. 2. 19.00; 7. 2. 18.00 und 20.00

  • Nikko Niemistö erfährt in der Isolation des Bunkers einen Idealzustand seiner Existenz. Wenn das nicht bedrohlich ist.
    foto: luzie stransky

    Nikko Niemistö erfährt in der Isolation des Bunkers einen Idealzustand seiner Existenz. Wenn das nicht bedrohlich ist.

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