Kreative Baustelle mit vielen Fragezeichen

2. Februar 2015, 07:36
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Zukunftsideen gesucht: Das "Urbo Kune"-Projekt in der Landesgalerie Burgenland

Eisenstadt - Die Ansage klingt erfrischend selbstbewusst: Europa brauche "eine neue vereinende und identitätsstiftende Metropole, eine Stadt, die dem Lernen, der Wissenschaft, der Bildung, der Kunst und dem Sport gewidmet ist". Mit diesen Worten wird im Programmfolder Urbo Kune umrissen, das Projekt rund um ein neues "geistiges Zentrum Europas". Zur Realisierung desselben haben sich 2014 die Wiener Institutionen Klangforum, Netzzeit und Forum experimentelle Architektur kurzgeschlossen, um an wechselnden Orten Zukunftsideen aller Art zu sammeln. Als Höhepunkt steuert man 25-Stunden-Performances beim Kölner Acht-Brücken-Festival bzw. im Wiener Konzerthaus im Mai an.

Gewiss, nicht jeder Ort kann in seiner visionären Architektur dem Geist der Veranstaltungsreihe so perfekt entsprechen wie das von Zaha Hadid gestaltete Learning Center der Wiener Wirtschaftsuniversität, wo Urbo Kune im September zu Gast war. Zuweilen darf es auch die - akustisch und ästhetisch sympathische - Landesgalerie Burgenland sein, die am Samstag als Schauplatz fungierte. Nach dem von Fanfaren begleiteten Empfang am Bahnhof Eisenstadt und einem "festlichen Spaziergang" zum Ort des Geschehens luden dort rote Sitz- und Liegepolster zu entspannter Rezeptionshaltung ein, während die Bilder der Ausstellung über die Rabnitztaler Malerwochen für eine farbenfrohe, aber nicht zwingend schlüssige Kulisse sorgten.

Im Sinne des Gemeinwohls

Die Anthropologin Elisabeth Oberzaucher referierte über Voraussetzungen für "soziale Fellpflege" und funktionierende Kommunikationskultur in Städten, GEA-Gründer Heini Staudinger über "Mut, Klugheit und Liebe" als Prämissen für auf Gemeinwohl ausgerichtetes Unternehmertum. Ákos Schreck und Krisztián Kolesár stellten ihr Projekt eines mobilen Konzertsaals vor.

Alternierend intonierten Musiker des Klangforums in gewohnter Kompetenz Stücke u. a. von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino und Olivier Messiaen, während an den Saalwänden gezeichnet (Georg Frauenschuh, Denise Schellmann) und zu Schachpartien eingeladen wurde (Michael Ehn). Das mutete phasenweise wie eine durchaus anregende Ideenbörse an.

Und es ließ doch nicht übersehen, dass hier manches rasch zusammengeschustert worden war. Der Gedanke, die Roma als "erste Europäer" zu bezeichnen, da sie nie nationalstaatlich organisiert waren, ist nachvollziehbar; dies mit der kitschtriefenden Musik des Janoska-Ensembles und einem 22 Jahre alten Film über die Burgenland-Roma zu reflektieren, verursachte hingegen Befremden.

Auch eine andere Frage muss gestellt werden: Eignen sich längst als Klassiker des 20. Jahrhunderts kanonisierte Kompositionen wie Messiaens Quatuor pour la fin du temps oder Cages Concerto for piano and orchestra tatsächlich als "Soundtrack" für eine visionäre Gedankenreise? Das an sich spannende Urbo Kune-Projekt erscheint zurzeit noch als Baustelle mit vielen Fragezeichen. (Andreas Felber, DER STANDARD, 2.2.2015)

Nächster Termin: 4. 2., Klosterneuburg, Essl-Museum

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