Finanzmathematiker: "Heilen Schulden mit noch mehr Schulden"

Interview2. Februar 2015, 09:00
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Nassim Nicolas Taleb isst tagelang nichs und dann plötzlich sehr viel – ähnlich hält er es mit seiner Anlagestrategie

Wien - Berühmt wurde der libanesisch-amerikanische Finanzmathematiker und Publizist Nassim Nicholas Taleb 2007, als er in seinem Buch Der schwarze Schwan erklärte, warum sich Zufallsereignisse im Finanzmarkt und anderswo viel schlechter berechnen lassen, als es viele seiner Kollegen behaupteten: Wenn alle überzeugt seien, dass es nur weiße Schwäne gebe, würden plötzlich in Australien schwarze Schwäne entdeckt. Die Weltfinanzkrise, die bald darauf voll ausbrach, schien Taleb recht zu geben.

In seinem jüngsten Buch "Antifragilität" (Knaus-Verlag 2013) beschreibt er, wie Systeme ausschauen sollten, die für solche Schocks weniger anfällig sind. Vergangene Woche war Taleb in Wien, um der Vienna Insurance Group (VIG) zu erklären, wie sie in unsicheren Zeiten ihren Konzern managen sollen – nämlich möglichst dezentral und mit vielen scheinbar ineffizienten Überlappungen, um das Risiko zu beschränken.

Mittleres Risiko

Im STANDARD-Gespräch erzählte Taleb unter anderem von seinen Ernährungsgewohnheiten – er esse tagelang fast nichts und dann auf einmal sehr viel, was dem Rhythmus der Steinzeitmenschen entspreche – und seiner persönlichen Anlagestrategie: 90 Prozent in Bargeld und zehn Prozent in Hochrisiko-Investments: "Ein angeblich mittleres Risiko ist am gefährlichsten, weil man vorher nie weiß, wo das Risiko wirklich liegt. Da kann man alles verlieren."

Weiters sagte Taleb zu den Themen

  • Geldpolitik der USA und Eurozone: "Eine lockere Geldpolitik ist wie eine Schmerztablette, aber sie entfernt den Tumor nicht. Man kann das Wachstum beschleunigen, indem man Geld druckt, aber irgendwann muss man die Zinsen wieder erhöhen. Und dann fallen die zuvor aufgeblasenen Preise für Vermögenswerte wieder und alles bricht zusammen. Das war 1994 so und wird wieder geschehen. Wir heilen derzeit Schulden mit noch mehr Schulden, und das kann nicht funktionieren."
  • Bankenregulierung: "Regulierung hat noch nie etwas genützt. Man muss die Banken pleitegehen lassen, doch das geschieht nicht. Sie werden immer größer, und damit wächst auch das gefährliche 'Too big too fail' -Problem. Die Folge davon ist, dass die Unternehmensgründungsrate sinkt."
  • Barack Obama: "Wenn Obama einmal weg ist, wird alles besser. Er repräsentiert die schlimmsten Aspekte des Sozialismus. Er hat die Banken gerettet, ohne sie zu bestrafen, und wird von einem Bankenkartell kontrolliert."
  • Obamacare: "Das US-Gesundheitssystem ist einfach zu groß, als dass es zentral gesteuert werden könnte. Der Staat hat darin nichts verloren, er kann hier nur Mist bauen. Die Zukunft des Gesundheitswesens sind Systeme wie der Taxivermittler Uber: Ich suche mir den besten Anbieter, vielleicht in den Philippinen, und der Vermittler wird ausgeschaltet. Dann braucht man keine staatliche Einmischung mehr."
  • Die Rolle des Staates: "Deutschland funktioniert so viel besser als die anderen Eurostaaten, weil es dezentralisiert ist. Dazu zählt auch das Lehrlingssystem. Zentralisierung funktioniert nur auf der Ebene eines Stadtstaates, deshalb sind diese viel reicher als Flächenstaaten. In Singapur herrscht Sozialismus, viel mehr als in China, aber auf dieser Größe kann man es umsetzen. Große Staaten sollen sich sonst nur um Fragen der Sicherheit kümmern, und dazu gehört auch der Klimawandel – aber nicht das Gesundheitswesen."
  • Unternehmertum: "Das kann man nicht lernen, das hat man im Blut. Die meisten Gründer in Silicon Valley sind Studienabbrecher. Man muss es ihnen auch erlauben zu scheitern. Das geht in Kalifornien, aber passt nicht in die europäische Kultur."
  • Stabilität und Wandel: "Bei hoher wirtschaftlicher Stabilität fühlen die Unternehmen keinen Druck, sich zu verbessern. Die Zahl schlecht gemanagter Firmen nimmt immer weiter zu, bis schließlich alles zusammenbricht. Wir brauchen daher Volatilität und Krisen, die 'great moderation', die der langjährige Fed-Chef Alan Greenspan angestrebt hat, bringt uns um. Das war auch Joseph Schumpeters Idee der 'schöpferischen Zerstörung', aber er hat das sentimental ausgedrückt. Ich habe das wissenschaftlich belegt."
  • Ungleichheit: "Die Superreichen wie Bill Gates sind nicht das Problem, denn sie schaffen Werte. Entscheidend ist die Mobilität. In den USA wird die Hälfte der Bevölkerung eine Zeitlang in ihrem Leben im obersten Einkommenszehntel verbringen, denn Amerika ist mobil. In Europa ist die Oberschicht viel stabiler, weil die Europäer sich vor Zerstörung fürchten. Ungleichheit entsteht, wenn jemand nach Harvard geht und dann einen hochbezahlten, sicheren Job für den Rest seines Lebens erhält. Die Gesellschaft sollte nicht die Privilegien derer, die kein Risiko tragen, schützen." (Interview: Eric Frey, DER STANDARD, 2.2.2015)
  • Nassim Taleb, Autor von "Der schwarze Schwan" und "Antifragilität", hält wenig von strikterer Bankenregulierung.
    foto: robert newald

    Nassim Taleb, Autor von "Der schwarze Schwan" und "Antifragilität", hält wenig von strikterer Bankenregulierung.

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