Griechenlands Schuldenkrise: Gehör für den Wutgriechen

Kommentar1. Februar 2015, 17:55
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Statt kleiner Trickser sitzt ein emotionalisierter Mann ohne Krawatte im Athener Parlament

Vom "Schummelgriechen" (2010) haben es unsere südlichen Nachbarn, bei denen wir gern den Sommerurlaub verbringen, nun zum "Wutgriechen" (2015) gebracht, wie man einem deutschen Nachrichtenmagazin entnehmen darf. Das ist vom Oberdeck der Wirtschaftskapitäne aus betrachtet eine nach fünf Jahren Rekordfinanzhilfe sicherlich ungenügende Entwicklung: statt kleiner Trickser jetzt ein emotionalisierter Mann ohne Krawatte im Athener Premiersamt.

Alexis Tsipras sitzt aber dort, weil seine Partei 36,3 Prozent erhalten hat - mehr als jede andere in fünf Jahren Rekordfinanzhilfe der Eurozone und des Internationalen Währungsfonds. Auch die albernsten Wortschöpfungen aus Hamburger und Berliner Redaktionen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wohl etwas grundsätzlich schiefgelaufen ist beim Rettungsversuch für Griechenland.

Reza Moghadam, ehemals Leiter der Europaabteilung des IWF und Chef des Troika-Vertreters Poul Thomsen, gibt mittlerweile zu, dass die Kreditpakete von 2010 und 2012 auf viel zu optimistischen Erwartungen beruhten: schnelle Erholung in Griechenland, keine dauerhaften Schäden der Gesellschaft. Moghadam plädiert mittlerweile für einen weiteren Schuldenschnitt von 50 Prozent. Und ein Schuldenschnitt allein bringt Unternehmern und der arbeitsfähigen Bevölkerung in Griechenland erst einmal wenig. Ihre Steuerlast muss wieder sinken. (Markus Bernath, DER STANDARD, 2.2.2015)

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