Spaniens Empörte blicken nach Griechenland

1. Februar 2015, 17:20
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Bis zu 300.000 Anhänger der Linkspartei Podemos sind am Wochenende in Madrid aus Protest gegen die Sparpolitik der Regierung auf die Straße gegangen. Im Superwahljahr 2015 soll der Partei - so wie Syriza in Griechenland - der Wahlsieg gelingen.

"Ein Wind der Veränderung beginnt durch Europa zu wehen", ruft Pablo Iglesias auf Griechisch. Die 300.000 Menschen am Samstag auf der Madrider Puerta del Sol antworten dem Generalsekretär der neuen Protestpartei Podemos - "Wir können" - mit tosendem Applaus. 2015 ist ihr Jahr; davon sind sie überzeugt.

Iglesias spricht vom Traum eines gerechteren Spaniens, in dem die Politik regiert und nicht die Märkte und die Troika. Und er hat ein Beispiel parat: "Weniger als eine Woche der neuen griechischen Regierung und kostenloser Strom für 300.000 Familien, die ihre Rechnung nicht zahlen können", zählt er eine der Maßnahmen der neuen Syriza-Regierung unter Alexis Tsipras auf. "Wer hat gesagt, dass das nicht möglich ist?", fragt er. "Sí, se puede!" - "Ja, man kann!", hallt es als Antwort. Es ist der Ruf der Hispanics in den USA, der zu Obamas "Yes, we can!" wurde und seit Beginn der Krise auch auf dieser Seite des Atlantiks als Schlachtruf dient.

Immer mehr Unterstützer

Spanien steht vor einem Superwahljahr: Kommunal-, Regionalwahlen im Frühjahr und Parlamentswahlen zum Jahresende. Bei Umfragen liegt die Podemos seit Ende 2014 vorn, dabei wurde die Partei erst vor einem Jahr gegründet. Bei den EU-Wahlen vergangenen Mai gelang mit acht Prozent und fünf Abgeordneten die Überraschung. Seither hört der Zulauf nicht auf. Mehr als 300.000 Menschen haben sich mittlerweile online eingeschrieben.

Diego Vila und Yolanda Sáez gehören zu den Unterstützern der ersten Stunde. Der studierte Tontechniker und die selbstständige Video-Produzentin haben sich einen Platz ganz vorn gesichert. "Wir haben Pablo immer wieder im Fernsehen gesehen, er sprach uns aus der Seele", sagt Yolanda.

"Die PSOE hat sich geändert"

Das junge Paar hat vor der Krise die sozialistische PSOE gewählt. "Die Aufnahme einer Schuldenbremse in die Verfassung, die den Zinszahlungen an Banken und Finanzmärkte Vorrang vor Sozialausgaben gibt, brachte das Fass zum Überlaufen", erklärt Yolanda. "Das ist Neoliberalismus und hat mit linker Politik nichts zu tun."

"Nicht wir haben uns geändert. Die PSOE hat sich geändert", fügt ihr Mann Diego hinzu. Doch Podemos zieht nicht nur sozialistische Wähler in ihren Bann. Auch die Volkspartei von Premier Mariano Rajoy (PP) hat vergangenen Mai Stimmen an Podemos verloren. Und die Umfragen prophezeien einen weiteren Aderlass.

Für die Menschen hier auf dem Platz ist klar, wer hinter der Sparpolitik und der Verarmung Spaniens steckt: "La Merkel", die deutsche Bundeskanzlerin. Iglesias sieht nur eine Wahlalternative: "Merkel oder Syriza" - "Merkel oder Podemos". Samaras, Rajoy, die Sozialisten von Pasok und PSOE sind nur Erfüllungsgehilfen Berlins und Brüssels. Podemos will "Menschen und nicht Banken" retten, sollte der Wahlsieg im Spätjahr gelingen.

Als "Bolivarianos" abgestempelt

Ob PP, PSOE oder die führenden Medien, alle beschimpfen sie die neue Kraft als "Populisten" oder als "Bolivarianos" - Freunde der Regierungen von Venezuela, Ecuador oder Bolivien, für den einige der Professoren aus dem Führungskreis Studien erstellt haben.

"Ich akzeptiere ihre Schwarzmalerei nicht", reagiert Premier Rajoy auf die Demonstration. Spanien erlebe dank seiner Reformen einen - wenn auch zaghaften - Aufschwung. Doch unten kommt davon nichts an. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 25, unter jungen Menschen über 50 Prozent. Die Kinderarmut ist nach Rumänien die zweithöchste in Europa.

Zugleich werden 60 Milliarden Euro für die Bankenrettung ausgegeben, in den Krisenjahren stieg die Zahl der Millionäre um 24 Prozent. "Wir werden die Wahlen gewinnen", verspricht Iglesias. Die Zeit für Rajoy und die Sparpolitik laufe ab. "Ticktack, ticktack ..." imitieren die Menschen auf dem Platz das Geräusch einer Uhr. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, 2.2.2015)

  • "Podemos, Syriza, wir werden siegen", hieß es auf einem Plakat am Samstag in Madrid. Die Demonstranten hoffen auf einen Wahlerfolg der spanischen Linkspartei.
    foto: reuters/sergio perez

    "Podemos, Syriza, wir werden siegen", hieß es auf einem Plakat am Samstag in Madrid. Die Demonstranten hoffen auf einen Wahlerfolg der spanischen Linkspartei.

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