"Ich bin nicht der klassische ÖSV-Mann"

Interview2. Februar 2015, 08:00
65 Postings

Den Wechsel vom österreichischen zum deutschen Skiverband haben nicht alle verstanden. Mathias Berthold war das egal, als Trainer der deutschen Herren hat er mehr Zeit für das Sportliche

Standard: Sie haben nach Ihrem Abgang vom ÖSV gesagt, dass Sie einiges nicht so machen konnten, wie Sie es wollten - können Sie das jetzt beim DSV?

Berthold: Ja. Ich kann mich mehr ums Sportliche kümmern. Beim ÖSV konnte ich das nicht in dem Umfang, wie ich es für optimal empfunden hätte. Das ist aber kein Fehler im System, sondern es ist einfach aufgrund der Mannschaftsgröße extrem schwer, den Kontakt zu den einzelnen Gruppen und Athleten zu halten.

Standard: Ist es nicht eher die Aufgabe der Spartentrainer, sich persönlich um die Sportler zu kümmern?

Berthold: Auf alle Fälle. Ich hatte auch sehr gute Spartentrainer. Aber der Cheftrainer stellt die Mannschaften auf. Man entscheidet dabei über Existenzen. Wenn man keine Zeit hat, dabei zu sein, trifft man solche Entscheidungen nur aufgrund von Ergebnislisten. Das tut dem einfach nicht Genüge. Man muss so viel wie möglich dabei sein.

Standard: War Ihr Wechsel nicht ein bisschen so, als würde Joachim Löw als Fußball-Teamchef von Deutschland nach Österreich übersiedeln?

Berthold: Ich glaube, dass die deutschen Skifahrer in der Weltklasse besser sind als die österreichischen Fußballer. Wir haben Felix Neureuther und Fritz Dopfer, die jederzeit gewinnen können. Es hat für mich keine Bedeutung, ob ich bei der weltbesten - und das ist die österreichische - oder bei einer Mannschaft bin, die nicht ganz so gut ist. Wir werden im Nationencup nie gegen Österreich mithalten, weil wir einfach zahlenmäßig unterlegen sind. Aber wir können eine gute Truppe zusammenbekommen, die wir im Prinzip in Slalom und Riesentorlauf schon haben. In der Abfahrt sind wir auf einem guten Weg.

Standard: Was ist der größte Unterschied zwischen dem Job des ÖSV- und jenem des DSV-Trainers?

Berthold: Die Aufgabenstellungen sind dieselben. Wir haben das beim DSV unterteilt. Ich bin für den gesamten Herrenbereich verantwortlich, habe aber in Andreas Ertl einen tollen Nachwuchskoordinator, der sich, in Absprache mit mir, um alle Läufer kümmert, die unter dem Europacup sind. Ich kann mich um den Weltcup kümmern, betreue hier zwei Gruppen. In Österreich hatte ich drei bis vier Gruppen. Quantität und Dichte sind die größten Unterschiede zu Österreich. Speziell im Speedbereich sind wir weit weg.

Standard: Warum gibt es in Deutschland nicht mehr Speedfahrer?

Berthold: Keine Ahnung. Wir wollen mit denen, die wir haben, qualitativ richtig gut arbeiten. Wir kooperieren mit Schweden, Finnland und den USA. Unsere Speedfahrer sind nicht wahnsinnig verwöhnt. Es war aber nie anders. Das Ziel ist, in vier Jahren mit ein bis zwei Läufern vorne mitzufahren. Wir werden uns den Allerwertesten aufreißen, um das zu schaffen.

Standard: Stoßen Sie an finanzielle Grenzen?

Berthold: Natürlich müssen wir aufs Geld schauen, aber das war beim ÖSV nicht anders. Man hat sein Budget, und damit muss man klarkommen. Die Speedmannschaft in Deutschland hat in den vergangenen Jahren keine Erfolge gezeigt, dementsprechend gibt's da auch nichts finanziell zu fordern. Zuerst muss die Leistung her, dann kann man über Programmvergrößerung oder personelle Aufstockung reden.

Standard: Mussten Sie nach ihrem Jobwechsel Gehaltseinbußen hinnehmen?

Berthold: Ich verdiene nicht so viel wie beim ÖSV, aber das ist mir wurscht.

Standard: Deutschland hat Neureuther, hat Dopfer. Was tut sich dahinter?

Berthold: Wir haben auch Stefan Luitz, der im Dezember Dritter in Aare war. Er hat sich dann leider verletzt, ist aber bei der WM dabei. Dann haben wir zwei, drei sehr gute Junge. Linus Strasser, Fünfter im Slalom von Schladming, ist ein Supertalent.

Standard: Ist Neureuther leicht zu trainieren?

Berthold: Ja. Er hat keine Starallüren. Der Bursche ist ein Traum.

Standard: Dopfer, dessen Mutter Österreicherin ist, ist 27, ein Spätzünder. Was trauen Sie ihm noch zu?

Berthold: Er fährt eine tolle Saison, war schon dreimal auf dem Podium. Der Fritz braucht noch ein bisschen Zeit, um in die Siegerrolle reinzukommen. Aber die Zeit hat er natürlich. Er hat mit Österreich relativ wenig zu tun, er war zwar in Stams, ist dann aber aus den Kadern raus, weil er keine Perspektiven gesehen hat. Die, die in seinem Jahrgang waren, waren einfach viel besser als er. Fritz hat mit Österreich so wenig zu tun wie Hirscher mit Holland.

Standard: Das heißt, er hätte es in Österreich nicht geschafft?

Berthold: Das kann ich nicht beurteilen. Aber es war gut für ihn, dass er nach Deutschland gekommen ist. Er hat sich erst bei seinem 23. Rennen erstmals für einen zweiten Durchgang qualifiziert. Er ist in gute Hände gekommen. Die Trainer haben sich seiner angenommen und ihn hochgebracht. Man hat beim DSV die Möglichkeit, sich intensiv um diese Leute zu kümmern, weil einfach nicht mehr da sind. In Österreich ist man nach zwei Jahren weg, weil der nächste Junge kommt.

Standard: Wie groß ist der Erfolgsdruck, unter dem Sie stehen?

Berthold: In Deutschland hat der Skisport keinen so hohen Stellenwert. Den Druck, den wir haben, machen wir uns selbst. Alle Athleten sind ambitioniert und zielstrebig. Auch der Felix, der vielleicht den Eindruck macht, er wäre ein Sunnyboy. Sie haben klare Vorstellungen und Ziele.

Standard: Was haben Sie sich als Ziel für die WM gesetzt?

Berthold: Eigentlich nichts. Das wurde ich oft gefragt, seit ich Trainer bin. Aber ich habe nie irgendeine Medaillenanzahl genannt. Im Slalom und im Riesenslalom haben wir gute Chancen. Unser Chef hat gesagt, er möchte bei Damen, Herren und im Teambewerb jeweils eine Medaille. Diese Zielsetzung überlasse ich ihm. Wir kümmern uns um den Sport.

Standard: Können Sie sich grundsätzlich eine Rückkehr zum ÖSV, in welcher Position auch immer, vorstellen?

Berthold: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich habe in Deutschland einen Vertrag bis 2018. Ich bin jetzt mit Leib und Seele beim DSV. Ich bin nicht der klassische ÖSV-Mann. Ich war früher zwar im Weltcup, bin dann aber nach Amerika gegangen, um als Profi zu fahren. Ich habe in Großbritannien als Trainer angefangen. Ich bin nicht im österreichischen System groß geworden.

Standard: Aber es war kein Abgang im Groll, der eine Rückkehr ausschließen würde?

Berthold: Wir haben gute Gespräche geführt. Keiner wollte es so richtig glauben, dass ich diesen Schritt gehe. Ich habe in meinem Leben schon oft Entscheidungen getroffen, die nicht unbedingt von allen verstanden wurden. Als ich als Profi nach Amerika ging, hat der damalige Cheftrainer Hans Pum das auch nicht glauben können. Ich habe einen super Kontakt zu meinen ehemaligen Athleten. Natürlich schaue ich immer noch auf die Österreicher. Das waren vier Jahre lang meine Jungs. Die liegen mir am Herzen.

Standard: Die Nachwuchskrise im ÖSV-Technikteam wird seit Wochen thematisiert. Gab es in Ihrer Zeit diesbezüglich Versäumnisse?

Berthold: Die Nachwuchskrise ist ja nichts Neues. Als ich mein Amt angetreten habe, waren wir in derselben Situation. Wir haben gewusst, da kommt ein Loch auf uns zu. Ich habe dann die Systeme umgestellt, und wir haben viel probiert. Ein bisschen etwas ist gegangen. Der eine Landeskader arbeitet besser, der andere arbeitet völlig scheiße. Wenn in Landeskadern nur Abfahrt trainiert wird, bist du chancenlos. Die tun einfach, was sie gerne machen.

Standard: Und in Deutschland haben Sie mehr Einfluss auf die Basisarbeit?

Berthold: Man hat total viel Einfluss. Aber die Landesverbände in Deutschland beschränken sich auf Bayern und ein bisschen Baden-Württemberg. (Birgit Riezinger - DER STANDARD, 2.2. 2015)

Zur Person:

Mathias Berthold (49) ist seit 2014 Trainer der deutschen Skiherren. Davor war er u. a. Chefcoach der deutschen Damen und der ÖSV-Herren (2010 bis 2014). Als Aktiver holte der Vorarlberger einen Weltcup-Podestplatz, bei den Profis war er 1993 Slalomweltmeister.

  • Berthold: "Ich verdiene nicht so viel wie beim ÖSV, aber das ist mir wurscht."
    foto: apa/parigger

    Berthold: "Ich verdiene nicht so viel wie beim ÖSV, aber das ist mir wurscht."

Share if you care.