Fracking: Ernüchterung löst Goldgräberstimmung ab

2. Februar 2015, 05:30
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Das Fracking-Fieber hat Williston, North Dakota, zur Boomtown werden lassen. Fürs Erste scheint es damit wieder vorbei zu sein

Das Schild am Ortseingang sagt eigentlich alles. "Williston, Boomtown, USA", steht dort zur Begrüßung, eine Mischung aus stolzem Lokalpatriotismus und fiebriger Goldgräberstimmung. Vor zehn Jahren noch war Williston ein gottverlassenes Nest. Die Jungen zogen weg, die Alten blieben, Perspektiven schien es keine zu geben. North Dakota, der Bundesstaat, in dem die Stadt liegt, war ein Synonym für Einöde, im Winter tiefgefrorene Einöde, die kälteste Ecke der Vereinigten Staaten, ein amerikanisches Sibirien, wenn man so will.

Dann der Bakken-Boom, der die modernen Glücksritter nach Williston lockte. Dass der Schiefer der Bakken-Formation Ölschichten barg, wusste man seit Langem. Aber erst, als er aufgesprengt wurde, als unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien Druck hineingepresst wurden, als dieses Fracking, die Kurzform für "hydraulic fracturing", mit horizontalem Bohren in der Tiefe kombiniert wurde, gab er seinen Schatz frei.

Kindersegen

2004 wandte man die umstrittene Methode in North Dakota zum ersten Mal an, ein paar Jahre später wurde der Name Williston zum Synonym für wildes, ungebremstes Wachstum. Die Bevölkerung verdreifachte sich, auf fast 40 000 Einwohner. Das Mercy Medical Center, das örtliche Krankenhaus, erweiterte seine Geburtenstation gleich um acht Zimmer, nachdem man sich in der tristen Zeit Gedanken machen musste, ob in Williston überhaupt noch Kinder zur Welt kommen würden.

Auf den Äckern ringsum entstand eine Barackensiedlung nach der anderen, weil es in der Stadt nicht genügend Wohnungen gab und ein bescheidenes Appartement plötzlich so viel Miete kostete wie eines auf der Wolkenkratzerinsel Manhattan. In den Nachtclubs, "Whispers" und "Heartbreakers", konnten Stripperinnen aus Osteuropa an einem Abend bis zu zweitausend Dollar verdienen, jedenfalls behauptete das die Gerüchtebörse.

Schnellst wachsende US-Kleinstadt

Nach der Finanzkrise, als der Rest des Landes in die Rezession rutschte, war Williston ein Hoffnungsschimmer, ein Magnet für Krisenverlierer aus Texas, Illinois, Louisiana. Viele, die hier anfingen, als Fahrer, als Handlanger, als Köche, hatten beim Platzen der Immobilienblase ihr Häuschen verloren und brauchten Geld für den Neustart. Wer bei Wal-Mart Regale einräumte, bekam 20 Dollar die Stunde, mehr als das Doppelte dessen, was die Supermarktkette normalerweise zahlt. Das lokale Economic Development Office, zuständig für das Anwerben von Investoren, ließ sich die griffige Zeile einfallen, dass Williston die am schnellsten wachsende Kleinstadt Amerikas ist. Eben Boomtown, USA.

Von der Boom- zur Katerstimmung

Und nun die Ernüchterung. Damit die Ölgewinnung im Bakken-Schiefer profitabel ist, darf der Preis für ein Barrel nicht unter 60 Dollar rutschen, rechnen Experten vor. In der Eagle-Ford-Formation, einer Lagerstätte im Süden von Texas, lohnt es sich nur, wenn mindestens 80 Dollar fürs Fass erzielt werden. Das heißt, beim aktuellen Weltmarktpreis schreiben die Unternehmen Verluste. Ob der Boom nur eine Pause einlegt, ob die Fracking-Euphorie in Katzenjammer umschlägt, und das auf absehbare Zeit: Welches der beiden Szenarien eintritt, kann momentan niemand seriös vorhersagen.

Mit Hilfe des Frackings, hatte die Internationale Energie-Agentur noch vor einem reichlichen Jahr prophezeit, werden die Vereinigten Staaten 2020 täglich 11,6 Millionen Barrel Rohöl fördern und damit Saudi-Arabien als die Nummer eins abgelöst haben (zum Vergleich: 1970 lag die US-Produktion bei 9,6 Millionen, 2008 bei fünf Millionen Barrel am Tag). Hinter solchen Prognosen stehen nun dicke Fragezeichen.

20.000 Arbeitsplätze weniger

Jim Arthaud gehört zu denen, die den Gipfel überschritten sehen. Seine Firma, MBI Energy Services, ist darauf spezialisiert, Wasser und Sand zu den Bohranlagen zu bringen und das heraufgepumpte Öl von dort abzutransportieren. Binnen fünf Jahren verfünffachte sich die Belegschaft, auf rund zweitausend Mitarbeiter. Über 500 Tankwagen hat MBI inzwischen im Einsatz, Teil jener Flotte, die den Alteingesessenen die Nerven raubt, so dicht an dicht donnern die Laster in scheinbar endloser Kolonne durch ehemals verschlafene Dörfer.

Bis Juni, orakelt Arthaud, wird es rund um Williston zwanzigtausend Arbeitsplätze weniger geben. "Wem nicht bange ist, der steckt den Kopf in den Sand." McAndrew Rudisill, Chef von Emerald Oil, einer jener Branchenzwerge, die mit der Jubelstimmung in North Dakota überhaupt erst von sich reden machten, sieht es ähnlich. "Niemand will Geld verlieren, wenn er nach Öl bohrt", sagt er dem Fernsehsender PBS. "Also werden alle auf die Bremse treten."

Texas droht Rezession

Texas könnte sogar in die Rezession schlittern, sollte der Ölpreis noch lange auf dem jetzigen niedrigen Niveau verharren, orakelte Michael Feroli, Chefökonom der Bank J.P. Morgan Chase, neulich in einem Rundschreiben. Wie die Filiale der Federal Reserve, der amerikanischen Notenbank, in Dallas vorrechnet, hat allein Texas seit 2010 zwei Millionen Barrel Rohöl pro Tag zusätzlich produziert, das entspricht etwa der Fördermenge Katars. Das texanische Jobwunder, von den Republikanern im "Lone Star State" bei jeder Gelegenheit als Vorbild fürs ganze Land angepriesen, beruht zu großen Teilen auf dem Fracking-Fieber. Ändern sich die Vorzeichen, gehen den stolzen Texanern in der gesamtamerikanischen Debatte womöglich die Argumente aus – bis es irgendwann wieder aufwärts geht auf der Achterbahn. (Frank Hermann, Washington, DER STANDARD; 2.2.2015)

  • Bei dem aktuell niedrigen Ölpreis kann die teure Fracking-Technologie nicht gewinnbringend eingesetzt werden.
    foto: reuters / andrew cullen

    Bei dem aktuell niedrigen Ölpreis kann die teure Fracking-Technologie nicht gewinnbringend eingesetzt werden.

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