Jetzt muss EU den Umgang mit Links-links lernen

Kolumne1. Februar 2015, 16:37
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Das europäische Einigungsprojekt hat Opposition an den Rändern provoziert

Die Südeuropäer lassen sich nicht verdeutschen. Die vor allem von Berlin betriebenen Spardiktate haben das griechische Wahlergebnis produziert. Die Hellenen, deren Anti-Steuer-Mentalität (in allen Schichten) schon seit dem Beitritt nicht EU-kompatibel war, schufen freilich selbst jene Lage, die in den Krisenjahren Brüssel zum Handeln zwang. Nur - und wir wissen es doch selbst - sind im Zweifel immer die anderen die Täter. Und die Betroffenen die Opfer.

Die Betroffenen in Griechenland haben nun den Chef der links-linken Syriza zum Premier gemacht - einerseits weil sie am Limit existieren, andererseits weil Alexis Tsipras ein Volkstribun ist

Was die EU (und vor allem der "Schaffe, schaffe"-Schwabe Schäuble) mit den Griechen aufgeführt hat, hätten auch wir Österreicher uns nicht gefallen lassen. Aber wir sind "deutsch" oder "britisch" genug, um wirtschaften zu können. Wir sind aber auch "italienisch" - in der Lebensführung kreativ-liberal, bei den Abgaben ein bisserl hintenherum. Zwischen Nord und Süd.

Das europäische Einigungsprojekt hat, je näher es zu einem Bundesstaat statt zu einem Staatenbund getrieben wurde, Opposition an den Rändern provoziert. Zunehmende wirtschaftliche Verflechtung fördert den Staatenbund - mit Machtgewinnen der Finanzwirtschaft und Machtverlusten des Mittelstands. Sowie Armutseffekten.

Als es noch nicht um Lohnverlust ging, sondern um Identitätsbehauptungen in Europa, formierten sich die Rechtspopulisten. Jörg Haider machte die EU darauf aufmerksam, dass es nicht nur nationale Traditionen, sondern auch völkische Machtansprüche gab. Als Wolfgang Schüssel im Jahr 2000 die FPÖ zum Regierungspartner machte, rastete Europa aus. Denkmal: Sanktionen.

Man musste lernen, mit dem Rechtspopulismus umzugehen. Mittlerweile hat man sich damit abgefunden. Weniger via Lega Nord unter Berlusconi, stärker anhand der dänischen und schwedischen Rechtspopulisten.

Aber jetzt auf einmal dieser links-linke Aufbruch. Deutschland hätte es ja schon wissen können. Denn wie groß ist der Unterschied zwischen dem - mittlerweile alters- und krankheitsbedingt gebremsten - Paradelinken Oskar Lafontaine und Alexis Tsipras?

Die EU-Granden (inklusive Angela Merkel) haben übersehen, dass es zwar überall in Europa eine faschistische Tradition gibt, aber auch eine sozialistische - die dann schlagend wird, wenn es um soziale und existenzielle Fragen geht. Wie in Griechenland.

Forciert durch historische Kerbungen - die Militärdiktatur in Griechenland ist bis heute in den Herzen und Gehirnen präsent.

Das sollte man auch in Berlin beherzigen, einst die Zentrale der nationalsozialistischen Diktatur. Deutschland bleibt, trotz aller Anstrengungen, verdächtig. Und sollte deshalb vor allem den Süden Europas nicht überfordern.

Am Samstag haben sich in Madrid 100.000 Menschen mit der Syriza-konforme Partei Podemos solidarisiert. Sie bezieht sich auf die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 2.2.2015)

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