Der Irak kommt nicht zur Ruhe

2. Februar 2015, 07:00
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Zwölf Jahre nach US-Invasion wieder akut vom Zerfall bedroht - Im vergangenen Jahr höchste Opferzahl seit 2007

Bagdad - Eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Irak noch gibt. Zwölf Jahre nach der US-Invasion ist das Zweistromland von chronischer politischer Instabilität, Extremismus und blutiger Gewalt geprägt. Seit dem Vorjahr kontrolliert die sunnitische Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" bedeutende Teile des Landes, die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad ist in einem Belagerungszustand.

Begonnen hat alles am 20. März 2003, als eine US-geführte Koalition den Irak ohne völkerrechtliche Legitimation angriff. Als Rechtfertigung diente die Vermutung, das Regime des sunnitischen Diktators Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. US-Präsident George W. Bush erklärte am 1. Mai 2003 das Ende der Kampfhandlungen im Irak, doch war dies nur der Beginn eines Guerillakrieges sunnitischer und schiitischer Extremisten gegen die US-Armee, und später gegeneinander.

"Al-Kaida im Irak"

Einen ersten Höhepunkt erreichte die Gewalt im Jahr 2004, mit der "Al-Kaida im Irak" von Abu Mussab al-Zarqawi und die "Mahdi-Armee" von Moqtada al-Sadr als Protagonisten. Im August 2004 kam es in der schiitischen Pilgerstadt Najaf zu mehrwöchigen Kämpfen zwischen der US-Armee und den schiitischen Milizionären. Im Oktober 2004 startete die US-Armee eine Großoffensive, um die sunnitische Widerstandshochburg Falluja einzunehmen.

Der sunnitisch-schiitische Konflikt weitete sich in den Jahren 2006 und 2007 zu einem regelrechten Bürgerkrieg aus. Im November 2006 starben über 200 Menschen bei einer Anschlagswelle im Bagdader Stadtteil Sadr City. Im August 2007 kamen 520 Menschen bei Anschlägen auf Yeziden-Siedlungen im Nordirak ums Leben. Die USA wussten sich damals nur mit einer Aufstockung ihrer Armeepräsenz zu behelfen, die 2007 mit 170.000 Soldaten ihren Höchststand erreichte.

Truppenabzug

Doch schon im Jahr 2008 - nach der Wahl des Irak-Kriegsgegners Barack Obama zum Präsidenten - kündigten die USA den kompletten Truppenabzug an. Ende 2011 wurde der Einsatz, der in achteinhalb Jahren rund 4.500 Tote in den Reihen der US-Armee gefordert hatte, beendet.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die innerirakischen Gegensätze wieder deutlich verschärft. So dauerte es nach den Parlamentswahlen im März 2010 acht Monate, ehe eine Regierung gebildet werden konnte. Der amtierende Ministerpräsident Nuri al-Maliki setzte sich letztlich gegen Iyad Allawi durch, der mit seinem überkonfessionellen Bündnis Irakiya die relative Mehrheit gewonnen hatte.

Infolge des Streits zwischen den Sunniten und dem Schiiten Al-Maliki nahm die Gewalt wieder zu, ab 2013 trat die sunnitische Extremistenorganisation "ISIS" (Islamischer Staat im Irak und in der Levante) mit Terroranschlägen in Erscheinung. Als folgenschwer erwies sich im Dezember 2013 die blutige Räumung von Protestcamps in der Sunnitenhochburg Falluja durch die Sicherheitskräfte. Anfang Jänner 2014 konnten ISIS-Rebellen Falluja besetzen, womit ihr Vormarsch im Irak begann.

"Islamischer Staat"

Im Juni 2014 eroberten ISIS-Kämpfer auch die Millionenstadt Mosul und brachten die Provinzen Ninive, Anbar und Salaheddin unter ihre Kontrolle. Ende Juni benannte sich die Gruppe in "Islamischer Staat" (IS) um und rief ein grenzüberschreitendes Kalifat aus.

Anfang August spitzte sich die Lage weiter zu. Rund um Mosul trieben die Extremisten hunderttausende Menschen in die Flucht, die größte christliche Stadt Qaraqosh wurde überrannt, Berichte über hunderte lebendig begrabene Yeziden und das Schicksal ihrer bei Gluthitze und ohne Wasser ins Sinjar-Gebirge geflohenen Glaubensbrüder schockierten die Welt. Die USA flogen am 8. August erste Luftangriffe gegen die IS. US-Präsident Obama schloss zwar die Entsendung von Bodentruppen aus, doch sind mittlerweile wieder mehr als 4000 US-Soldaten als Berater und Ausbildner im Zweistromland im Einsatz.

Unter dem Druck der auf Bagdad vorrückenden IS-Kämpfer musste am 14. August der umstrittene Ministerpräsident Maliki seinen Hut nehmen, obwohl er die Parlamentswahl im April gewonnen hatte. Sein Nachfolger wurde der gemäßigte Schiit Haidar al-Abadi. Dass der völlige Zusammenbruch der irakischen Zentralregierung verhindert werden konnte, ist aber weniger dem Regierungswechsel als den massiven Luftschlägen der US-geführten Anti-IS-Koalition zu verdanken. In den fünf Monaten bis Ende Jänner wurden über 1000 Luftschläge ausgeführt, einige davon in Nähe der Hauptstadt Bagdad. Mit offiziell 15.538 Toten erreichte die Zahl der zivilen Opfer im Vorjahr den höchsten Stand seit dem Jahr 2007. Insgesamt kamen damit seit der US-Invasion rund 140.000 Zivilisten ums Leben. (APA, 2.2.2015)

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