Das Duell nach den Turbulenzen

1. Februar 2015, 09:49
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Seattle Seahawks und New England Patriots: Zwei ebenbürtige Teams, die ähnliche Hürden bewältigt haben

Eigentlich hat es im Oktober ja ganz schlecht ausgesehen für die Seattle Seahawks. Von den ersten sechs Spielen verloren sie drei, für einen Titelverteidiger enttäuschend. Besonders schmerzte in Woche sieben die Niederlage gegen die St. Louis Rams, die davor nur die unterirdischen Tampa Bay Buccaneers schlagen konnten.

Eigentlich hat es im Oktober ja ganz schlecht ausgesehen für die New England Patriots. Von den ersten vier Spielen verloren sie zwei, für ein Team mit den Ansprüchen der Pats enttäuschend. Besonders schmerzte in Woche vier die 17:41-Niederlage gegen die Kansas City Chiefs, nach der mancher gar die Ära von Star-Quarterback Tom Brady zu Grabe trug.

In der Nacht auf Montag spielen die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots. In der Super Bowl. Und keiner zweifelt mehr daran, dass genau diese beiden die zwei besten Teams der NFL sind.

Feinabstimmungen, Verletzungs-Comebacks und der viel beschworene Teamgeist verwandelten die Teams in die Bulldozer, die nun in Glendale kollidieren werden. So sagt Seahawks-Safety Kam Chancellor: "Wir hatten in der ersten Saisonhälfte Unstimmigkeiten und Probleme, wir waren egoistischer. Wir mussten einfach verstehen, dass das hier eine Bruderschaft ist." Ende Dezember jubelten Fans in Seattle und Boston über eine 12-4-Saison und den Nr.-1-Seed, dem beide Teams am Weg zur Super Bowl mit je einem Zitter- und einem souveränen Sieg gerecht wurden.

Brave Millionäre

Der Saisonverlauf ist nicht die einzige Parallele zwischen den Kontrahenten. Auch im Big Picture lassen sich Ähnlichkeiten erkennen. Hier verlaufen die Wege aber nicht nebeneinander, sie kreuzen sich – wegen eines wichtigen Details in der Geburtsurkunde der Quarterbacks. Hier Tom Brady, Jahrgang 1977. Dort Russell Wilson, Jahrgang 1988. Beide zählen zu den besten Spielmachern der Liga, sind abseits des Feldes sowie im Umgang mit den Medien makellos. Beide sind verhältnismäßig unterbezahlt – Brady lässt sich zugunsten des Teams traditionell unter Marktwert entlohnen (aktuelles Jahresgehalt 14,8 Millionen US-Dollar), Wilson ist am Ende seines schwach dotierten Rookie-Vertrages (aktuelles Jahresgehalt 817,302 US-Dollar). Hungertücher sind dank satter Werbe-Deals trotzdem Fehlanzeige. Brady wirbt tendenziell für exklusivere Marken, Wilson baut sein Spektrum stetig aus. Aus der Flimmerkiste werden die zwei noch länger grinsen. Aber nur einer wird in fünf Jahren noch am Feld aktiv sein.

Die Seahawks haben heute, was die Patriots Anfang des Jahrtausends hatten: Einen jungen, aufstrebenden Quarterback und eine herausragende Defense. Es ist das Rezept, das den Patriots zwischen 2002 und 2005 drei Super Bowls und den in den USA stets herbeigesehnten Titel einer Dynastie einbrachte. Diesen Titel wollen nun die Fischadler aus dem Nordwesten. Den Grundstein legten sie in der letzten Super Bowl mit einer 43:8-Machtdemonstration gegen die Denver Broncos. Der mensch(en)gewordene Fleischwolf namens Seahawks-Defense machte Altmeister Peyton Manning und seiner historisch besten Regular-Season-Offense den Garaus.

Plan: Wiederholung

So soll es auch heuer wieder laufen, wie Center Max Unger sagt: "Unser Plan ist praktisch ident mit letztem Jahr". Nachsatz: "Natürlich hoffen wir auch auf das selbe Resultat." Zu viele Gedanken werden aber nicht an Super Bowl 48 verschwendet – auch nicht von einem, der besonders gute Erinnerungen daran hat. Der damalige Überraschungs-MVP Malcolm Smith behauptet auf STANDARD-Nachfrage gar: "Wir haben so viel zu tun, ich denke gar nicht zurück."

Offensive Tackle Russell Okung zieht Parallelen zum Februar 2014: "Wir sind uns treu geblieben. Aufopferung hat uns letztes Jahr in die Super Bowl gebracht, und so war es auch heuer." Was aber von allen Seahawks gebetsmühlenartig wiederholt wird, ist die Geschlossenheit im Team. Von Head Coach Pete Carroll bis zum letzten Hinterbänkler predigen alle Seahawks, dass sie mehr als nur ziemlich beste Freunde sind. "Jeder ist hier viel enger befreundet, vom Wide Receiver bis zum D-Lineman. Wir verbringen alle Zeit miteinander und unterstützen uns, beispielsweise besuchen wir die Wohltätigkeitsorganisationen der anderen", vergleicht Defensive End Cliff Avril sein aktuelles Team mit seinem früheren Arbeitgeber, den Detroit Lions.

Auch um das Teamgefüge bei den Patriots muss man sich wohl keine Sorgen machen, wenngleich die Thematik bei ihnen nicht so oft zur Sprache kommt. Trotz des Medienchaos um Deflate-Gate lag der Fokus beim AFC-Champion einzig auf der Super Bowl. "Coach Belichick bringt uns dazu, den ganzen Lärm zu ignorieren. Am Ende des Tages müssen wir unseren Job machen", sagt Wide Receiver Danny Amendola.

Frischlinge

Anders als auf der Gegenseite kennen die meisten Spieler das Gefühl eines Triumphes noch nicht, vom letzten Championship-Kader 2005 sind nur mehr Brady und Defense-Koloss Vince Wilfork übrig. Bei Cornerback Brandon Browner ist die Erinnerung noch ein Jahrzehnt frischer, der trug vor einem Jahr nämlich noch Seahawks-Wäsche.

Das Gefühl der Niederlage im Finalspiel kennen in Boston schon mehr Spieler: 2008 und 2012 kassierten sie als klare Favoriten schmerzhaft-knappe Niederlagen gegen die New York Giants – die erste davon ausgerechnet im University of Phoenix Stadium. Sonntag um 16:30 Uhr Ortszeit (0:30 Uhr MEZ, u.a. live auf Puls4) bekommt Brady die Gelegenheit, am selben Ort die Geister des legendären "Helmet Catch" auszutreiben und sich mit seinem vierten Titel ein Denkmal zu setzen. Angesichts seines Alters kam am Media Day die Frage, ob es sich wie sein letzter Anlauf oder nur eine weitere Super Bowl anfühlt - die diplomatische Antwort: "Ein Mittelding".

Visualisierungskünste

Auf seinen Dauergast-Status bei "America’s Game" angesprochen, geriet der Quarterback ins Schwärmen: "Ich hätte es mir in meinen wildesten Träumen nicht vorgestellt, in sechs Super Bowls zu spielen – ich hätte nie gedacht, auch nur in einer zu spielen." Ein Kontrast zu seinem Konterpart Wilson, der schon als Kind mit seinem Vater Pressekonferenzen als Super-Bowl-MVP übte und heute sagt: "Ich visualisiere jeden Tag, ganz oben zu stehen."

Wer Sonntag Abend ganz oben steht, dürfte sich in einem hochspannenden Spiel entscheiden. Komplizierte Statistiken wie "Weighted DVOA" spucken die heurigen Duellanten als so gleichwertig wie noch nie aus, auch die Buchmacher in Las Vegas gehen mit dieser Einschätzung konform. Der Haken? Auch 2014 herrschte vermeintliche Augenhöhe, was bei einem Endstand von 43:8 doch verblüfft.

Eine Wiederholung dieser Demontage scheint aber höchst unwahrscheinlich – wenn auch bei Seattle nie völlig auszuschließen. Während Seattle quasi die Schere zu Denvers Papier war, sind die Patriots metallischer gebaut. Sie haben zwar ebenfalls einen kräftigen Offensivmuskel, mehr als in den vergangenen Jahren darf sich heuer aber auch ihre Defense Titel-würdig schimpfen.

Schlüsselsuche

Schlüsselstellen dürfte es unzählige geben: Hines Ward nennt den Pass Rush der Seahawks. Colts-Quarterback Andrew Luck sieht Jamie Collins als Russell-Wilson-Aufpasser und X-Factor. In Medien finden sich Tipps wie Julian Edelman in seiner Rolle als Punt Returner oder die vermeintliche Schwachstelle des Seahawks-Kaders, ihrem Wide-Receiver-Corps. Daneben gibt es natürlich noch no-na-ned-Faktoren wie Marshawn Lynch und Rob Gronkowski. Auch das Duell zwischen Tom Brady und der unter dem Spitznamen Legion of Boom firmierenden Seahawks-Secondary ist kein besonders origineller Einfall, wird aber wohl oder übel wichtig sein. Womöglich macht den Unterschied ein Detail wie das Spielen-oder-nicht-Spielen des angeschlagenen Rookie-Centers Bryan Stork, der nach eingangs erwähntem Fehlstart erst Stabilität in die Offensive Line brachte.

So oder so: Alles deutet daraufhin, dass das Spiel einer Super Bowl würdig ist. Und auch Geschichte wird geschrieben: Die Seahawks können als erstes Team seit den Patriots 2005 ihren Titel verteidigen, Tom Brady als dritter Spielmacher der Geschichte nach Terry Bradshaw und Joe Montana seine vierte Super Bowl holen.

Und eines Tages werden sie alle an den 1. Februar 2015 zurückdenken. Sogar der MVP. (Martin Schauhuber aus Glendale, derStandard.at, 1.2.2015)

  • Zwei Teams, ein Cup.
    foto: apa

    Zwei Teams, ein Cup.

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