Deutscher Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist tot

31. Jänner 2015, 11:49
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Weizsäcker setzte sich mit Verbrechen der Nazi-Zeit auseinander

Berlin/Wien - In den Augen vieler Deutscher hat Richard von Weizsäcker nicht wirklich aufgehört Bundespräsident zu sein: Er war nach seinem Ausscheiden aus dem Amt der klassische "elder statesman" und ein äußerst gefragter Redner und Gesprächspartner.

Weizsäcker stammte aus Stuttgart. Er war 1939 gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich in jenem Regiment, das am 1. September des Jahres die Grenze nach Polen überschritt. Sein Bruder fiel bereits am 2. September. Nach dem Krieg studierte Weizsäcker Jus und verteidigte in den Nürnberger Prozessen seinen eigenen Vater. 1954 trat er in die CDU ein, dazu angeregt hatte ihn Helmut Kohl.

Vielen Deutschen ist Weizsäcker auch noch als Bürgermeister von Berlin in Erinnerung. Ab 1981 regierte er den abgeriegelten West-Teil der Stadt. Er war das erste Stadt-Oberhaupt, das in den Ost-Teil reiste, die Aussöhnung zwischen Ost und West war ihm damals schon wichtig.

1984 war es mit der Stadtpolitik jedoch schon wieder vorbei. Weizsäcker wurde – übrigens gegen den Willen Helmut Kohls - zum Bundespräsidenten gewählt. Schon ein Jahr später setzte er sich am 40. Jahrestag des Kriegsendes ein Denkmal. Als erstes Staatsoberhaupt bezeichnete er den 8. Mai 1945 in aller Deutlichkeit als "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft". Damit leitete Weizsäcker einen grundlegenden Wandel ein. Bis dahin war der 8. Mai 1945 in Deutschland vor allem als Tag der bitteren Niederlage gesehen worden.

Und er provozierte viele auch mit der Aussage, dass die Deutschen sehr wohl vom Holocaust gewusst hätten: "Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten."Bald schon wurden Weizsäckers Aussagen nur noch als "die Rede" bezeichnet.

"Spezialgewissenträger im Präsidentenamt"

Im Ausland war die Zustimmung groß, in Deutschland selbst waren die Konservativen entsetzt. Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Franz-Josef Strauß verhöhnte ihn als "Spezialgewissenträger im Präsidentenamt". Weizsäcker aber blieb dabei: Wer sich mit der Vergangenheit aussöhnen wolle, müsse sich ihr zuerst einmal schonungslos stellen.

1989 wurde er als Bundespräsident wiedergewählt, zum ersten und bislang einzigen Mal bei einer Bundespräsidenten-Wahl gab es keinen Gegenkandidaten. Weizsäcker war für viele das ideale Staatsoberhaupt. Er blieb der intellektuelle, scharfzüngige Mahner und redete den Deutschen auch 1990, anlässlich der Wiedervereinigung, ins Gewissen: "Sich zu vereinen, heißt teilen lernen." Als er 1994 nach zwei Amtsperioden aus dem Amt schied, hörte er nicht auf, sich zum politischen Geschehen zu äußern. Denn, so seine Begründung, er sei von nun an "von Beruf Zeitzeuge". Er starb am Samstag im Alter von 94 Jahren. Der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Weizsäcker als "einen großartigen Menschen und ein herausragendes Staatsoberhaupt". (Birgit Baumann, derStandard.at, 31.01.2015)

  • Richard von Weizsäcker 1920 bis 2015.
    foto: reuters/thomas peter

    Richard von Weizsäcker 1920 bis 2015.

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