Griechenland: Musik spielt in Frankfurt

Kommentar30. Jänner 2015, 17:24
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Ohne Programm würde die Notenbank in Athen ihre Hilfszahlungen stoppen müssen, was wohl einen Zusammenbruch des Bankensystems provozieren könnte

Tsipras hin, Tsipras her: Ob der neue griechische Regierungschef nun gekündigte Beamte wieder einstellt, Privatisierungen auf Eis legt oder eine europäische Schuldenkonferenz einberuft, mag symbolisch von Bedeutung sein. Spielentscheidend sind die aktuellen Ankündigungen von Alexis Tsipras nicht. Klarerweise möchte er seine Wahlversprechen nicht schon in Woche eins nach Amtsantritt über Bord werfen. Und er legt die Latte bewusst hoch, um in Brüssel Eindruck zu schinden. Die Granden der Eurozone werden sich schwertun, den Willen des griechischen Wahlvolkes zu ignorieren. Dass es in vielen Fragen Kompromisslinien gibt, liegt auf der Hand.

Allerdings dürften sich Athen und Brüssel nicht rasch einig werden. Und da lauert eine weitaus ernstere Gefahr. Wenn das Hilfsprogramm für Griechenland in einem Monat ohne Erneuerung ausläuft, sind auch der Europäischen Zentralbank in Frankfurt die Hände gebunden. Sie, genauer gesagt die griechische Notenbank, hält den Finanzsektor mit Liquidität von mehr als 50 Milliarden Euro am Leben.

Die Abhängigkeit ist in den letzten Tagen wegen hoher Kapitalabflüsse aus Griechenland deutlich gestiegen. Ohne Programm würde dann die Notenbank in Athen ihre Hilfszahlungen stoppen müssen, was wohl einen Zusammenbruch des Bankensystems provozieren könnte. Ob Tsipras den Kollaps riskiert? Die Musik spielt jedenfalls weder in Athen noch in Brüssel - sondern in Frankfurt. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 31.1.2015)

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