Wrabetz is calling bei Jeannée

31. Jänner 2015, 09:00
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Eine solche Sensation konnte er einfach nicht für sich behalten

Am Wochenende kamen "Krone"-Leserinnen und -Leser in den Genuss, an einem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung teilhaben zu dürfen. Wie ich am Freitagmorgen vor meiner Schreibmaschine sitz und überlege, an wen ich heute meine Post richten soll, steigerte His Master's Voice - nein, nicht Fart -, die Spannung ins Unermessliche, läutet mein Handy: Wrabetz is calling!

Eine solche Sensation - es geschehen noch Zeichen und Wunder! - konnte er einfach nicht für sich behalten, also teilte er in seiner aktuellen Post an den Lieben ORF-General Wrabetz demselben mit, dass er ihn tags zuvor angerufen habe. Der wird ganz schön überrascht gewesen sein, das zu erfahren. Einerseits erfreut, weil der Postillion wenigstens einen Hauch von Respekt vortäuschte, den der ORF-General für sein Programm eher weniger beanspruchen kann: Uiiijegerl, denk ich, der Herr Generaldirektor wird sich wegen meines gestrigen Briefs an seinen Ethikrat beschweren. Andererseits - vielleicht - peinlich berührt wegen der Publikation des wahren Anrufgrundes.

Seinen Ethikrat hatte er attackiert, weil er Christian Wehrschützens Vortrag auf einer ÖVP-Klubtagung zum Anlass nahm, einen der besten TV-Korrespondenten zu rüffeln, während die unappetitliche Lesben-Knutscherei in der Vorabendsendung "heute leben" den Küniglberger "Sittenwächtern" sonstwo vorbeiging.

Dass man zwei Arten von Ereignissen auch nach zweierlei Maß messen kann, hat bei einem redaktionell verengten Horizont keine Chance durchzuschlagen. Statt solches zu bedenken zu geben, hatte der ORF-General nichts Eiligeres zu tun, als sich in einem Anfall von unappetitlicher "Krone"-Knutscherei ein Telefonat abzuringen. Wrabetz is calling! Was sich wie folgt anhörte: "Lieber Herr Jeannée, ich möchte Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich mit dem Inhalt Ihrer Post an den Ethikrat vollinhaltlich übereinstimme. Denn die Kritik an Herrn Wehrschütz, in der Tat einer meiner wertvollsten Mitarbeiter, ist ebenso unangebracht wie die lesbische Performance in ,heute leben'. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte. Einen schönen Tag noch."

Das war aber längst nicht alles, was ich Ihnen sagen wollte. Über Ethik lässt sich im Anwendungsfall gut streiten, nur haben beide konkreten Anlässe mit Ethik wenig, mit billiger Homophobie und Hausregeln für ORF-Mitarbeiter hingegen einiges zu tun. Ob letztere verletzt wurden oder nicht, sei dahingestellt, hat jedenfalls nichts mit dem Wert eines Mitarbeiters zu tun. Dass ein ORF-General seinen Ethikrat wie einen heißen Erdapfel fallen lässt, nur weil ihm eine Entscheidung nicht passt, dass er sich in ethischen Fragen lieber nach der Maxime "Schau in die Krone!" richtet, vor allem aber, dass er diese in gestelztem Bürokratenton auch noch telefonisch davon in Kenntnis setzen möchte, wie brav er apportiert - das ist ein österreichisches Sittenbild.

Von seinem telefonischen Erfolg beflügelt und von der Macht seines Charmes ein wenig beschwipst, holte Jeannée Mittwoch zur nächsten Befehlsausgabe aus. Also, Herr Pürstl, schrieb er an den Polizeipräsidenten: Sie greifen heute zum Telefon, rufen die für die "öffentliche Sicherheit" in letzter Instanz zuständige Innenministerin Mikl-Leitner an und empfehlen dringend, die Anti-Akademikerball-Demo am Freitag, nein: nicht zu verbieten, aber auszusetzen, das heißt zu verschieben. Sie berufen sich dabei, lautete der Tagesbefehl weiter, auf die Erkenntnisse und Erfahrungen, die Sie und die Wienerstadt letztes Jahr bei nämlicher "Protestveranstaltung" mit dem Gesindel gemacht haben, das die Demonstration unterwandert und die City in ein Schlachtfeld verwandelt hatte.

Sollte Pürstl Bedenken haben, dann habe er zu behaupten, polizeilichen Recherchen zufolge könnte selbiges wegen neuerlicher Gesindel-Unterwanderung des Gutmenschen-Aufmarschs wiederum geschehen. Um zu kontrollieren, ob Pürstl seine Anweisung auch befolgt habe, setzte er am nächsten Tag die liebe Innenministerin davon in Kenntnis: Gestern forderte ich an dieser Stelle den Wiener Polizeipräsidenten auf, Sie anzurufen und zu behaupten, der geplante Gutmenschen-Aufmarsch gegen den Akademikerball sei, wie schon vergangenes Jahr, von gewaltbereitem Mob und kriminellem Gesindel unterwandert ... weshalb es sich empfehle, die Demo, nein, nicht zu verbieten, aber auszusetzen, zu verschieben.

Dennoch hat die liebe Innenministerin den "Hauptprotest" kurzerhand verboten. Ein klarer Fall von Insubordination. (Günter Traxler, DER STANDARD, 31.1./1.2.2015)

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