Theologe: "Pegida in Wien auf keinen Fall oberlehrerhaft begegnen"

Interview30. Jänner 2015, 16:43
193 Postings

Frank Richter, Chef der sächsischen Bildungszentrale, spricht mit Pegida-Anhängern, weil er ihren Frust spürt. Er rät auch Wien zum Dialog

STANDARD: Am Montag marschiert Pegida in Wien zum ersten Mal. Wie soll man den Menschen begegnen, die dort mitgehen?

Frank Richter: Auf keinen Fall sollte man Pegida-Wien oberlehrerhaft begegnen. Die Demonstranten machen von ihrem Grundrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Natürlich ist es auch in Wien wichtig, dass die Politik sich distanziert, um klare Zeichen zu setzen.

STANDARD: Reicht das? Soll man nicht mit den Pegida-Anhängern reden? Manche deutschen Politiker wollen das ja nicht unbedingt.

Richter: Der Dialog ist alternativlos. Beginnt man ihn nicht, grenzt man die Menschen noch mehr aus. Deshalb war es in Dresden nicht einfach, dass anfangs so viele Belehrungen aus Berlin kamen.

STANDARD: Sie haben als einer der Ersten den Dialog aufgenommen. Warum ist Ihnen das wichtig?

Richter: Diese Demonstrationen sind ein Ventil, dahinter hat sich ein riesiger Problemstau gebildet. Die Leute, die da mitgehen, haben ja auch nicht alle Angst vor einer angeblich drohenden Islamisierung. Das sind höchstens 25 Prozent. Da gibt es noch ganz viele andere Sorgen - um die Rente etwa, oder auch Wut über gebrochene Wahlversprechen.

STANDARD: Was hören Sie da immer wieder?

Richter: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor der letzten Bundestagswahl (Herbst 2013, Anm.) erklärt, mir ihr werde es keine Pkw-Maut geben. Jetzt soll sie doch kommen. Oder die Maastrichtkriterien. Sie wurden beschlossen und wieder gebrochen. So etwas merken sich die Leute. Und sie hören, Deutschland sei ein Einwanderungsland, wissen aber nicht, was das konkret bedeuten soll.

STANDARD: Wie sieht der von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung initiierte Dialog aus?

Richter: Wir hatten jetzt schon einige Diskussionsrunden zu Pegida bei uns im Haus, da waren jedes Mal 150 bis 200 Menschen da, das Haus war voll. Anhänger und Gegner halten sich die Waage.

STANDARD: Und diskutieren friedlich?

Richter: (Lacht.) Nein, so weit sind wir noch nicht. Es sind bisher auf beiden Seiten eher Monologe zu hören. Aber das ist in Ordnung, die Leute sollen mal reden können und merken, dass man ihnen zuhört. Man muss dieses Sammelsurium von Problemen und Beschwerden erst einmal auseinanderdröseln. Danach gibt es vielleicht Gesprächskreise zu einzelnen Themen. Und mit rund 150 Bürgern haben sich Korrespondenzen per E-Mail ergeben. Sie alle, die auf unser Angebot eingehen, sind ja auch Multiplikatoren.

STANDARD: Reden Sie auch mit den Pegida-Organisatoren?

Richter: Nein, da distanzieren wir uns ganz bewusst. Nur einmal habe ich unser Haus geöffnet, damit Pegida hier eine Pressekonferenz geben kann. Das war, nachdem die Terrordrohung bekannt geworden war und die Demo in Dresden abgesagt werden musste. (19. Jänner, Anm.) Da bekam ich auch viel Kritik, aber ich stehe dazu. Das war der Versuch eines Brückenbaus in einer außergewöhnlichen Situation.

STANDARD: Bei der letzten Pegida-Demo in Dresden waren schon weniger Leute. Wird das Phänomen bald wieder verschwinden? Nächsten Montag fällt die Demo in Dresden ja auch aus, weil sich die Bewegung gerade spaltet.

Richter: Es geht nicht um einen Wettlauf der Zahlen, sondern um den großen Unmut, der dahintersteckt. Der wird bleiben und uns noch länger beschäftigen. Aber ich finde das nicht schlimm. Der Konflikt- und Diskussionsfall sollte doch der Normalfall in einer Demokratie sein. Die hält das aus. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 31.1.2015)

foto: dpa / arno burgi
Frank Richter (54) ist Theologe. Er war in der DDR als katholischer Kaplan tätig und zählte 1989 zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Dresdner Bürgerbewegung. Nach der Wende arbeitete er als Jugendseelsorger und Priester. 2005 ließ er sich laisieren, um zu heiraten, und trat zu den Altkatholiken über. Seit dem Jahr 2009 ist er Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.
  • Am Montag fällt die Demo aus. Dafür könnte es zwei Wochen später zwei "Spaziergänge" geben, weil die Pegida sich spaltet.
    foto: dpa / boris roessler

    Am Montag fällt die Demo aus. Dafür könnte es zwei Wochen später zwei "Spaziergänge" geben, weil die Pegida sich spaltet.

Share if you care.