Rockstar mit Lesebrille

Kolumne1. Februar 2015, 17:00
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Warum mir die Welt manchmal fremd wird, Twitter keine Ahnung hat und Peter Weibel mich glücklich macht

Die Welt ist komisch geworden, zumindest kommt mir das manchmal so vor. Wahrscheinlich liegt das am Alter, am voranschreitenden Alter. Es ist nichts Großes, es sind Kleinigkeiten, die mir die Welt manchmal fremd machen. Wenn das Kind zum Beispiel keinen Test mehr hat, sondern "Lernzielkontrollen", die sich von einem Test dadurch unterscheiden, dass man sie länger als 20 Minuten abhalten darf. Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden und verwechsle nichts. So geht es mir jetzt öfter. Mein ungenutzter Twitter-Account hört nicht auf, mich via Mails, eine Technik, die ich noch beherrsche, zu umgarnen, und schlägt mir immer wieder Leute vor, die ich auf Twitter kennen könnte. Neulich meinen Ex-Mann, da dachte ich: Twitter hat vielleicht doch keine Ahnung.

Lemongrass im Kühler

Wir haben jetzt Winter. An der Tankstelle habe ich Frostschutzmittel für die Scheibenwischerflüssigkeit gekauft. Ich war komplett überfordert und habe mich am Ende für die Duftnote "Lemongrass" entschieden. So etwas gab es früher nicht. Wunderbäume in Autos hatten, wenn es sehr fein herging, Vanille-Geschmack oder von mir aus Zitrone- oder Apfel-Noten. Heute hängen "Watermelon", "Bubblegum" oder überhaupt "New Car" herum. Die Welt ist sehr lustig geworden. Aber manchmal kann ich nicht mehr mitlachen.

Sex in der Stadt

"Ich bin nicht bösartig, ich bin 100!", hat die Großtante eines Freundes – sie ist 98 – neulich gesagt. Das habe ich verstanden. Das fand ich lustig. Es gibt also auch Schönes zu berichten. Erst vor kurzem in Wien, als der Medienkünstler Peter Weibel mit seiner alten Band Hotel Morphila Orchester im 21er-Haus spielte, das früher – als Weibel 1980 seinen legendären Auftritt dort hatte – noch 20er-Haus hieß, fühlte ich mich wieder wie früher, als ich noch ganz jung war. Was komisch war, denn alle um mich herum waren alt. Ich schwöre, ich war die einzige Person im Saal ohne graue Haare. Frontman Weibel brauchte seine Lesebrille, um die Texte seiner Songs abzulesen. Bei den alten Hits grölten die anderen Alten um mich herum alle mit. Ich muss zugeben: Ich kannte den Text nicht. Als "Sex in der Stadt" groß rauskam, wurde ich erst Teenager. Aber ich fühlte mich wie damals, als ich noch wirklich jung war und die anderen schon achtzehn, die kannten sich aus, und ich hatte keine Ahnung. Aber immerhin: Ich war dabei. Und bin es noch immer. Die Welt ist komisch, aber nicht so schlecht. (derstandard.at, Mia Eidlhuber, 1.2.2015)

  • Weibel rockt mit Lesebrille.
    heribert corn

    Weibel rockt mit Lesebrille.

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