"Der Boxer": Technisches K. o. durch falsche Andachtshaltung

30. Jänner 2015, 17:19
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Zu viel gewollt: Uraufführung von Felix Mitterers Stück im Wiener Josefstadt-Theater

Wien - Der Sinto Johann "Rukeli" Trollmann boxt wie ein junger Gott. Im Wiener Josefstadt-Theater schwingt der tadellos austrainierte Gregor Bloéb die Springschnur. Gipsy-Jazz treibt den Ausnahmeathleten zu Höchstleistungen an. Für die verbissenen Liegestütze seines nazideutschen Konkurrenten Reinhard Wolf (Raphael von Bargen) hat der "Zigeuner" nur Spott übrig.

Der Boxring bildet die Sphäre eines kurzen, von den Nazi-Mördern unter Zuhilfenahme von Hohn und Spott vernichteten Lebens. Ausstatter Florian Parbs hat den Ring um 90 Grad gekippt und an die Feuerwand geheftet.

Man liebte "Rukeli", den Boxer aus Hannover, wegen seiner unverbissenen, tänzerischen Eleganz. Trollmanns ästhetische Faustfechterei stellt sogar die Vorwegnahme von Cassius Clay dar. Man schreibt das Jahr 1933. Es ist höchste Zeit: Ein junger eugenischer Vermessungstechniker (Dominic Oley) macht sich blutzapfend und Daten erfassend an den Körpern der Roma und Sinti zu schaffen. Dr. Ritter ist die unverbindliche Freundlichkeit in Person. Seine Datenbänke werden die Grundlage für die NS-Ausrottungspolitik bilden. Trollmanns weitläufige Familie kann das nahende Unglück kaum fassen. Wie deutsche Spießer sitzen sie unbehaglich im Schein der Stehlampe.

Papa "Schnipplo" (Michael König) hat sogar den Hut eines Forstaufsehers auf dem Kopf. Nur Mama "Pessi" (Elfriede Schüsseleder) scheint durch den Rauch ihres Zigarillos die Konturen des Vernichtungswerkes zu erahnen.

Es ist sofort klar: Diese Menschen, die sich großdeutsch gebärden und für ihr Daseinsrecht plädieren, haben nicht den Funken einer Chance. Alles kann sich nur zum Schlechteren wenden. Trollmanns Schicksal hat Felix Mitterer, der Andachtsfigurenschnitzer unter den Gegenwartsdramatikern, zum Anlass genommen, das Stück Der Boxer zu schreiben. Dieser grundgute, um Betroffenheit bemühte Text besitzt nicht den Funken jener Eleganz, die "Rukelis" Boxstil einst ausmachte. Dafür zerfällt er aber in zwei Teile.

In der ersten Hälfte wird man mit den Daten zu Trollmanns Leben gefüttert. Man bewundert die sinnreichen Bildlösungen, die Regisseurin Stephanie Mohr eingefallen sind. Ein gutes Dutzend Punchingbälle saust aus dem Schnürboden herab. Schon vorher bestimmen Sandsäcke die Choreografie: Wolf und Trollmann bearbeiten jeweils ihr eigenes Turngerät. Die beiden Kontrahenten begegnen einander fernfäustlich - und bleiben einander dabei doch ganz nahe.

Man möchte Bloéb für seine smarte Lässigkeit schon lieben. Die totalitären Machthaber zerstören jedoch nicht nur "Rukelis" Boxkarriere. Sie vernichten seine Familie. Wolf seinerseits avanciert zum KZ-Lagerleiter und will Trollmann, der "undeutsch" geboxt habe, einem Läuterungsprogramm unterwerfen.

Trollmann wird im KZ zum Schaukämpfer der Schergen (Peter Scholz). Tagsüber schaufelt er im Verein mit dem Bruder Lehm in die Schubkarre. Abends prügelt er sich gezwungenermaßen mit Häftlingen. Text und Aufführung entgleiten Mohr zusehends. Der Schlamm wird mit viel Kitsch durchsäuert. Unterm vielbejubelten Strich bleibt ein Stelldichein von Gespenstern und Pappkameraden übrig. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 31.1.2015)

  • Trollmann kämpft: Gregor Bloéb, gehalten von Raphael v. Bargen.
    foto: apa/reismann

    Trollmann kämpft: Gregor Bloéb, gehalten von Raphael v. Bargen.

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