Selbstbildnis mit Hase

30. Jänner 2015, 17:12
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Dorian Grays Gegenspieler auf Reisen

Dorian Gray hatte ein Bildnis, das ihm immerwährende Jugend garantierte. Mona Lisa eines, das ihr Lächeln verewigte. Andy Warhols Selbstporträts machten ihn – zugegebenermaßen nebst Porträts von Lebensmitteldosen – nicht nur für 15 Minuten berühmt und reich.

Und wir Normalsterblichen haben Passfotos, die bei genauerer Betrachtung gegen Fotos von Dosensuppen abstinken würden. Lächeln darf man nicht mehr. Die Beleuchtung trägt ein Übriges zum Desaster bei. Mehr als die halbe Erdbevölkerung reist mit bitterbös verkniffenen Mündern und Mördergschau durch die Gegend. Manche haben zusätzlich ein zweifelhaftes Talent, auch bei völliger Rechtschaffenheit auszusehen wie Schwerverbrecher und können mit gestrengen Kontrollen rechnen.

Wenn man nicht zweifelhaft aussieht, kann man nachhelfen. Als 18-Jährige hatte ich die geniale Idee, mir meinen Hasen beim Fotografieren unters Kinn zu halten. Er kuschelte sich gern in die Vertiefung zwischen Kinn und Halsbereich, die Hasenohren bildeten quasi eine formschöne Krawatte. Das Foto landete ohne Beanstandung der kulanten Wiener Beamten im Pass und wurde offiziell. Spätestens bei der ersten Reise nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geriet der Hasenwitz zum Fluch: An der Grenze forderten gestrenge Kontrol lore, das Tier vorzuweisen. Ansonsten würden sie mich sofort aus dem Zug werfen. Das Visum gelte nur mit Hase, der auf dem Antrag eindeutig ausgewiesen sei. Alle Heulerei nützte nichts, sie warteten auf Bakschisch.

Abgespeist mit meinem gesamten Schminkzeug, ließen sie mich schließlich ziehen. Mich schauderte es noch bis zur Ankunft in Moskau. Auf eine Art war das sogar heilsam: Alle Nostalgie war schon bei der Einreise verflogen. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 31.1./1.2.2015)

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