Eissegeln in den Masuren: Mit dem Wind tanzen

1. Februar 2015, 14:02
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In den polnischen Masuren sind die Winter eisig. Auf dem Niegocin-See kann man mit einem Weltmeister das Eissegeln lernen und sich danach an einem Danziger Kachelofen aufwärmen

Die Kufen knarzen auf dem Eis, und der Wind prescht ins Segel. Die Yankee 208 nimmt langsam Fahrt auf. Jurek Nowakowski hat eine Hand an der Schot und eine am Lenkrad, das die Vorderkufe seines wendigen Bootes steuert und so klein ist wie jenes in einem Formel-1-Wagen. Er trägt Sturmhaube, darüber Karbonhelm und Schneebrille. Schon flitzt der Eissegler mit Karacho über den Niegocin-See im polnischen Rydzewo. In Nullkommanichts ist die Ufersilhouette nur noch ein Streifen voller Bäume, der die weiße Eisfläche vom hellgrauen Himmel trennt.

foto: caro/picturedesk.com
Eissegeln hat auf dem polnischen Niegocin-See Tradition. Kein Wunder, friert doch die Masurische Seenplatte jeden Winter verlässlich zu.

Angeblich frieren die Masurischen Seen jeden Winter zu, sei es nur für ein paar Wochen, sei es für Monate. "Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals offenblieben", sagt Jurek, der schon als Kind Eissegeln gelernt hat und seine Boote selbst baut. Inzwischen ist er polnischer Meister der Monotypklasse. "Ich liebe diesen Sport, aber genauso das Drumherum. Von morgens bis abends bin ich draußen in der Natur", schwärmt er.

Ein schlumpfblauer Himmel

Kalt wird ihm nie, denn er ist immer in Bewegung. Dabei hat der Frost die Landschaft mit häufigen Temperaturen von minus zehn bis minus 20 Grad fest im Griff. An guten Tagen scheint dazu die Sonne, und ein schlumpfblauer Himmel spannt sich über den gefrorenen See. Auf dem Eis werfen die weißen Segel dann dunkle Schatten.

foto: apa/dpa/unbekannt
Der Frost hat die Landschaft mit häufigen Temperaturen von minus zehn bis minus 20 Grad fest im Griff.

Schon im 17. Jahrhundert schraubten die ersten Fischer an der holländischen Küste Kufen unter ihre Boote, um damit im Winter über das gefrorene Wattenmeer zum Fischen auf die offene See hinauszufahren. Heute ist Eissegeln in den Niederlanden selten geworden, weil das Wattenmeer weniger oft zufriert, und hauptsächlich dort verbreitet, wo die Winter noch kalt sind und zudem genügend Wind weht - wie in Polen.

Dreimal schneller als der Wind

Diesen seltenen Spaß wollen sich auch Amateure nicht entgehen lassen und kommen dafür vor allem in die Masuren. Selbst Anfänger erreichen schon bei mäßigem Wind Geschwindigkeiten von über 60 Stundenkilometern. Könner sind sogar dreimal schneller als der Wind. "Es ist der pure Adrenalinkick, wenn man auf einmal 'fliegt'. Dabei hebt eine Kufe vom Boden ab", schwärmt Weltmeister Tomasz Zakrzewski, der seine Yacht gerade am Steg startklar macht.

Der Enddreißiger sauste im US-amerikanischen Minnesota angeblich bereits mit 146 Stundenkilometern übers Eis. An diesem Tag tummeln sich auf dem See aber noch andere Wintersportler: Zwei Angler hocken vor einem Eisloch und warten darauf, dass ein Barsch oder eine Brasse anbeißt. Eine junge Frau, dick eingemummelt in Anorak und Mütze, versucht sich im Eiskiten - auf Schlittschuhen. Doch der Wind drückt ihren Lenkdrachen immer wieder nach unten. Ein paar Übermütige brettern mit dem Schneescooter vorbei. Nur die Eisstöcke stehen noch aufgereiht nebeneinander und warten auf Spieler.

Spitzendeckerln und Pokale

Womöglich sitzen sie gerade im Gasthof zum Schwarzen Schwan - dem Gospoda pod Czarnym Łabędziem, wie es auf Polnisch heißt -, der Jurek und seiner Familie gehört. Drinnen herrscht die Atmosphäre eines preußischen Gasthauses vor 100 Jahren: Überall im Raum stehen alte Schubladkästen und Nähmaschinen, dekoriert mit Tannenzweigen und Spitzendeckerln. Und im Regal an der Wand reihen sich Jureks Pokale aneinander. Doch der eigentliche Grund, warum man hier gar nicht mehr wegmöchte, ist der Kamin. Mitten im Raum lodert ein Feuer hinter Glasscheiben. Schnell sind nasse Schuhe ausgezogen und kalte Füße wieder aufgewärmt.

Auf dem Tisch dampft bereits ein Teller mit heißem Borschtsch, der Rote-Rüben-Suppe, für die es allein in Polen dutzende Zubereitungsarten gibt. Zudem kommen hier deftige Piroggen, Teigtascherln mit Buchweizen-Speck-Füllung, aus der Küche. Die Gerichte werden allesamt aus regionalen Produkten nach altmasurischen Rezepten zubereitet. Das Gasthaus ist Mitglied im Netzwerk "Kulinarisches Erbe. Ermland, Masuren, Weichselland" und hat mehrere Auszeichnungen als bestes Restaurant für Regionalküche bekommen.

Knarzende Dielen im Schloss

Wer Ofenwärme in feudalerer Umgebung schätzt, fährt von Rydzewo am besten in Richtung Westen weiter. Inmitten einer tiefverschneiten Wald-und-Wiesen-Landschaft liegt das Schloss Nakomiady. Die Eheleute Piotr und Joanna Ciszek haben die Anlage aus dem 18. Jahrhundert samt 200 Hektar Grund vor ein paar Jahren erworben und aufwändig renoviert. "Wir wollten auf ursprünglichere Art leben", sagt der ehemalige Software-Entwickler über seinen Umzug von Warschau in die Masuren.

Seit kurzem empfangen sie auf dem Land handverlesene Gäste. Diese nächtigen im Prinzessinnen-, im Raben- oder Gotikzimmer hinter schweren Vorhängen. Die Treppen und Dielen knarzen im Schloss wohl seit Jahrhunderten, man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Damen des Hofes hier nie ganz geräuschlos durch die Gänge wandelten.

In der Kachelofenmanufaktur auf dem Schlossgelänge werden Öfen nach historischem Vorbild hergestellt.

Im Wohnzimmer steht ein Schmuckstück, das sofort ins Auge sticht: ein handbemalter Kachelofen. Zum Herrenhaus gehörte früher auch eine Keramikfabrik, die vor allem Backsteine aus Ton brannte. Das hat Ciszek auf die Idee gebracht, auf dem Schlossgelände eine Kachelofenmanufaktur zu eröffnen. Seine zwölf Mitarbeiter und er stellen die Öfen nach historischem Vorbild her - unter anderem die berühmten Danziger Öfen, die im 18. Jahrhundert auf dem Gebiet des Herzogtums Preußen gebaut wurden.

Wie beim Eissegeln gibt es auch hier eine historische Anleihe aus den Niederlanden: Die Motive stammen von der damals vorherrschenden holländischen Keramik. Die gesamte Produktion, vom Modellieren über das Gießen der Kacheln bis zum Aufpinseln filigraner Muster erfolgt per Hand. Jeder Ofen ist ein Unikat. Einer hat bereits einen Ehrenplatz im Warschauer Königsschloss bekommen.

Rettungsaktion für ein Dach

Auch das Ehepaar Palyska, das ebenfalls aus Warschau kommt, hat sich eines der verfallenen Masuren-Schlösser gesichert und es in den vergangenen Jahren vor dem sicheren Verfall bewahrt. Die Schlossanlage Galiny liegt am historischen Handelsweg von Ermland nach Königsberg, in einer Region, die touristisch noch wenig erschlossen ist. "Wir kamen ganz zufällig vorbei. Überall lag meterhoch der Schnee auf den Dächern, die bereits unter der Last einzustürzen drohten. Wir wollten eigentlich nur das schöne Dach retten und kauften deshalb gleich das Schloss", erzählt Joanna Palyska. Mit der gleichen Leidenschaft, die Nowakowski dem Eissegelsport und Ciszek seinen Kachelöfen schenkt, widmet sich Joanna Palyska Pferden.

Schon bald in der Früh hört man die Friesenpferde auf dem Gestüt wiehern und den Hufschmied im Stall hämmern. "Als Kind habe ich immer davon geträumt, ein eigenes Pferd zu haben, heute besitze ich 60", sagt sie. Palyska trainiert die Tiere fürs Springreiten, unter anderem für Paul Schockemöhle, einen der besten Springreiter der Welt. Betuchte Warschauer verbringen auf Schloss Galiny gerne ihre Wochenenden mit Reiten oder Kutschfahrten und im Winter mit Skijöring oder Schlittschuhfahren auf den umliegenden Teichen. Manche wollen gleich alles an einem Tag ausprobieren.

Am Abend wartet in der - unseren Tröpferlbädern nicht unähnlichen - russischen Banja schon der Bademeister, der auf Wunsch anregende Schläge mit trockenen Birkenzweigen auf die erschöpften Körper niederprasseln lässt. Da wird’s richtig warm auf dem Rücken - ideal für den nächsten frostigen Tag auf masurischem Eis. (Monika Hippe, DER STANDARD, 31.1.2015)

Diese Reise erfolgte auf Einladung des polnischen Fremdenverkehrsamts.

Anreise und Info

Flüge: drei oder mehr Verbindungen täglich Wien- Warschau mit Lot oder Austrian; oder mit Zwischenstopp nach Danzig; mit dem Mietauto nach Rydzewo Eissegeln: Eissegelwoche sechs Übernachtungen ab 375 €, Eissegelbootverleih: 48 € pro Tag, Info: www.gospoda.pl oder www.caligula.pl

Unterkunft: z. B. im Gasthaus zum Schwarzen Schwan (Gospoda pod Czarnym Łabędziem) in Rydzewo, ab 48 € pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück: www.gospoda.pl; Schloss Nakomiady (Gut Eichmedien): Doppelzimmer ab 127 € inkl. Frühstück: www.nakomiady.de; Schloss Galiny: Doppelzimmer mit Frühstück, ab 120 €, www.palac-galiny.pl

Essen und Trinken: in allen erwähnten Unterkünften hervorragend; weitere Restaurants gibt es in der Stadt Giżycko am Nordufer des Sees.

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