Kim Jong-ils saftige Rechnung für ein Gipfeltreffen

Blog30. Jänner 2015, 11:14
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Die Memoiren des südkoreanischen Ex-Präsidenten Lee Myung-bak geben Einblick in seine Verhandlungen mit Kim Jong-il

Die Aussicht auf Frieden ist unbezahlbar. Nicht jedoch für Kim Jong-il: Der 2011 verstorbene nordkoreanische Diktator forderte 100.000 Tonnen Getreide, 400.000 Tonnen Reis, 300.000 Tonnen Düngemittel, 100 Millionen Dollar in Baumaterialien und zehn Milliarden in bar. All das sollte Südkorea 2009 im Gegenzug für ein innerkoreanisches Gipfeltreffen zahlen – mehr als den Halbjahresgewinn von Samsung, dem größten Konglomerat des Landes.

Die innerkoreanische Diplomatie findet zu großen Teilen hinter verschlossenen Türen statt. Nun hat der damalige südkoreanische Präsident Lee Myung-bak jedoch viele solcher Schmuckstücke in seinen am Montag erscheinenden Memoiren zutage gefördert. Lee galt Zeit seines Amtes wegen seiner Haltung zu Nordkorea als äußerst umstritten. Während seiner Präsidentschaft von 2008 bis 2013 kühlten die nachbarschaftlichen Beziehungen merklich ab und erreichten eisige Minusgrade.

450 Millionen Dollar vom Hyundai-Konglomerat

Unter der sogenannten Sonnenscheinpolitik seiner Vorgänger war das freilich anders. Der mittlerweile verstorbene Kim Dae-jung hielt um die Jahrtausendwende das erste innerkoreanische Gipfeltreffen in Pjöngjang ab und ebnete damit den Weg für weitere Wirtschaftskooperationen. Dafür erhielt er nicht zuletzt im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis – und musste sich wenig später Spott und Häme gefallen lassen, als öffentlich wurde, dass er kurz vor seiner Reise nach Pjöngjang das Hyundai-Konglomerat dazu aufgefordert hatte, 450 Millionen Dollar nach Nordkorea zu schicken.

Lees Memoiren werden diese Diskussion neu aufrollen: Darf ein südkoreanischer Präsident dem nordkoreanischen Regime finanzielle Zugeständnisse machen? Der konservative Ex-Präsident hat das konsequent verneint – und damit auch in Kauf genommen, die Bemühungen auf eine Wiedervereinigung auf Jahre zurückzuwerfen.

Korb gegeben

Nun erzählt Lee offenherzig, dass er während seiner fünfjährigen Amtszeit stolze fünf Mal von Kim Jong-il wegen eines Gipfeltreffen gefragt wurde. Jedes Mal gab er ihm einen Korb. Er habe endlich ein Ende hinter dieses lange eingespielte Verhaltensmuster setzen wollen, dass sich der Norden für einfache Verhandlungen fürstlich entlohnen lässt.

2009 kam es zum ersten Annäherungsversuch bei einem Geheimtreffen der beiden Koreas in Singapur. "Wenn ich ohne ein Ergebnis zurückkehre, bedeutet das meinen Tod", soll Kim Yang-gon, Leiter der nordkoreanischen "Einheitsfront", laut Lees Ausführungen damals gesagt haben. Auch wenn ihm die Zusage zu einem Gipfeltreffen verwehrt blieb, ist der Nordkoreaner immer noch wohlauf.

Parteikader hingerichtet

Im Gegensatz zu jenem hochrangigen Parteikader, der ein Jahr später ebenfalls ein dringliches Treffen mit Lee Myung-bak einforderte. Dieser servierte ihn mit seinen Staatsbeamten ab. Nur wenige Wochen später wurde der Parteikader in Nordkorea öffentlich hingerichtet.

In seinen Memoiren schreibt Lee über diesen Vorfall: "Es gab Berichte, wonach er wegen der Weitergabe vertraulicher Informationen an den Süden hingerichtet wurde. Mir wurde jedoch auch erzählt, dass Kim Jong-il wütend war, dass es ihm nicht gelungen sei, mich zu treffen – und anstatt sofort nach Pjöngjang zurückzukehren, einen zusätzlichen Tag im Süden verbrachte." Der Name des nordkoreanischen Parteikaders wird in dem Buch nicht genannt, doch augenscheinlich handelt es sich um Ryu Kyong, einen engen Vertrauten von Kim Jong-il, den dieser Anfang 2011 hinrichten ließ.

In seinem Heimatland muss sich Lee Myung-bak teils heftige Kritik für seine Buchveröffentlichung gefallen lassen. Diese kommt auch aus den eigenen Reihen, der konservativen Saenuri-Partei. Die brisanten Details aus dem Buch seien zu frisch, da die meisten Akteure immer noch einen großen politischen Einfluss hätten. "Wenn alle Staatsoberhäupter davon ausgehen müssen, dass alles, was sie sagen, vier Jahre später veröffentlicht wird, dann wird niemand mehr mit uns offen reden", zitierte die Tageszeitung "Joongang Daily" einen Mitarbeiter des Außenministeriums. (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 30.1.2015)

  • Treffen einer südkoreanischen und nordkoreanischen Delegation anlässlich der Asienspiele 2014.
    foto: apa/epa/yonhap

    Treffen einer südkoreanischen und nordkoreanischen Delegation anlässlich der Asienspiele 2014.

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