Österreichisch machen!

Kolumne29. Jänner 2015, 17:09
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Die Forderung, man müsse auf Ängste von Landsleuten eingehen, die Integrationsunwilligkeit erleben, ist verlogen

Wenn es darum geht, bewährte Traditionen hochzuhalten, lässt man sich in Österreich nicht lumpen. Die Schüsse von Paris haben in etlichen hiesigen Politikern offenkundig lange im Unterbewusstsein verschüttete Erinnerungen an die glorreiche Gegenreformation geweckt, deren wohlmeinender Zweck es war, religiöse Abweichler endgültig "katholisch zu machen", ohne dabei in der Wahl der Mittel zimperlicher zu sein als heutzutage ein saudischer Prediger. Mögen die Waffen der Überzeugung seither aufklärungsbedingt ein wenig stumpf geworden sein, so gilt es nun umso entschiedener, unter dem Kampfruf "Integration!" alles österreichisch zu machen, was sich vom allein seligmachenden Menschenschlag zwischen Ländle und Waldviertel nicht nur religiös, sondern frecherweise auch noch kulturell unterscheidet.

Plötzlich brandet eine Integrationswut auf, deren Heftigkeit sachlich nicht zu erklären ist, sind doch Probleme mit der freiwilligen und unfreiwilligen Zuwanderung nach Österreich nicht erst seit gestern ungelöst. Auf der einen Seite tönt es, ohne Zuwanderer könne Österreichs Wirtschaft nicht leben, auf der anderen, aber politisch derselben Seite tut man alles, um sie, wenn nötig unter schäbigen Vorwänden, fernzuhalten oder sie wenigstens am Arbeiten zu hindern. Eine Innenministerin, die im Law-and-Order-Furor schon einmal 1700 Polizisten gegen ein Dutzend Hausbesetzer losschickt, überschlägt sich plötzlich mit Ideen, wie man Asylsuchende innerhalb von zehn Tagen zu Schüblingen machen kann. Sie könnten sich ja Unterkunft und Verpflegung, womöglich irgendwann sogar eine Aufenthaltsgenehmigung erschleichen, was mit Kosten verbunden wäre, die untragbar erscheinen, wo man akut 300 Millionen Euro für Polizeipanzer und Hubschrauber verpulvern möchte.

Landeshauptleute, die bei der Einhaltung wiederholt ausgemachter Asylquoten versagen, belehren uns, Toleranz könne keine Einbahn sein. Sozialdemokratische wohlgemerkt, die ihrer Partei nicht etwa einen Mangel an Solidarität vorwerfen, sondern sich als Exorzisten gegen Integrationsunwilligkeit zu profilieren versuchen. "Ich bin seit Jahren mit diesem Thema schwanger. Durch die tragischen Ereignisse in Paris kurz vor dem Medienempfang in Graz ist das dann aus mir herausgebrochen" , bekannte Franz Voves in der Kleinen Zeitung. Welch ein Glück, dass in Paris rechtzeitig vor der steirischen Landtagswahl geschossen wurde! Er hätte sonst womöglich nie gebrochen.

Die Forderung, man müsse auf Ängste von Landsleuten eingehen, die Integrationsunwilligkeit erleben, ist verlogen. Nur zu gut ist man hierzulande schon einmal auf die Ängste der Leute vor Juden eingegangen. Solche Ängste werden um politischer Geschäftemacherei willen geschürt, sonst könnten sie nicht so oft schon dort vorbeugend auftreten, wo man sich gegen Unterkünfte für Asylwerber wehrt. Und es kommt darauf an, wie man auf solche Ängste eingeht.

Österreichische Gesetze sind von allen, die hier leben, einzuhalten, das reicht an Integration, auch wenn es manche lieber so hätten: Asylsuchende haben die Grenze nach Österreich im Trachtenanzug zu überschreiten. (Günter Traxler, DER STANDARD, 30.1.2015)

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