Notschlafstellen in Innsbruck: Kein Zimmer frei

30. Jänner 2015, 05:30
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Im November starb ein Obdachloser auf der Straße. Vereine fordern mehr Notschlafplätze, aber auch günstigen Wohnraum. In Innsbruck stehen nur 36 Betten jedem offen

Innsbruck - Das Messer gleitet durch Butter und Brot, an der Rinde muss der Mann etwas mehr Druck ausüben. Sein Schneidwerkzeug wurde gestumpft. Dann nimmt er den abgetrennten Teil der Schwarzbrotscheibe und schiebt ihn sich zufrieden in den Mund. Es ist warm, man ist sicher. Auf einer Holzbank in der Ecke liegt ein junger Mann und schläft. "Viele pennen hier noch während des Frühstücks ein. Sobald sie sich eben geborgen fühlen", sagt der Sozialarbeiter Rainer Lasser.

Rund hundert Menschen kommen täglich in die Innsbrucker Teestube, eine Tageseinrichtung des Tiroler Vereins für Obdachlose. Viele von ihnen haben die Nacht zuvor auf der Straße verbracht - im Schlafsack in einem Hauseingang, in einem Zelt etwas abseits der Stadt oder durch den Bahnhof wandelnd, bis man vertrieben wird. So gut wie jeden Tag sehe er in der Teestube neue Gesichter, sagt Lasser.

Von Jahr zu Jahr mehr Obdachlose

Es gibt keine offiziellen Zahlen zur Obdachlosigkeit. Niemand weiß genau, wie hoch der Bedarf an Notschlafstellen tatsächlich ist. Die Stadt Innsbruck und das Land Tirol bieten ganzjährig über das Alexihaus und die Städtische Herberge insgesamt 146 Menschen Unterkunft und Grundversorgung - jedoch unter der Voraussetzung, dass man in Österreich Anspruch auf Mindestsicherung hat.

36 Plätze stehen in einem vom Roten Kreuz geführten Haus im Winter jedem offen, der sich früh genug anstellt. Beim Verein für Obdachlose schätzt man, dass darüber hinaus etwa hundert Menschen täglich auf Innsbrucks Straßen schlafen. Fest steht: Es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Einer von ihnen ist Jozef*. Er kommt jeden Tag in die Teestube, frühstückt, wäscht sich und seine Kleidung. Am frühen Nachmittag sperrt die Einrichtung zu. Manchmal gehe er dann zur Universität und nutze dort das Internet, Abendessen von der Vinzenzgemeinschaft, Schlafen im Zelt.

Wenig Perspektiven

Jozef ist Pole und seit vier Jahren in Österreich. Er spricht gebrochenes Deutsch. Das Leben steht ihm ins Gesicht geschrieben, doch lesen lassen will er sich nicht. Seine Perspektiven? Schulterzucken. Kurze Pause. "Mit Arbeit wären alle Probleme weg."

Arbeit, das Wort fällt oft, spricht man mit den Menschen in der Teestube. Also Menschen, konkret sind es hauptsächlich Männer. Frauen sind in Österreich zwar nicht weniger armutsgefährdet, auf der Straße landen sie dennoch seltener. "Frauen sind viel häufiger versteckt wohnungslos. Sie nehmen mehr in Kauf", sagt Michael Hennermann, Geschäftsführer des Vereins. Wie viele der Menschen, die seine Einrichtung besuchen, sofort am Arbeitsmarkt einsetzbar wären? "Kann man wohl an zwei Händen abzählen."

"Kann uns alle treffen"

Im November verstarb in Innsbruck ein Obdachloser auf der Straße. Eine Gruppe Studierender der Sozialen Arbeit hat sich nun unter dem Namen "Resilienz" zusammengeschlossen und fordert einen Ausbau der Notschlafstellen und eine ganzjährige Öffnung. Wo sich jedoch alle Experten aus der Praxis einig sind: Damit ist es nicht getan. "Natürlich sind Akutmaßnahmen wichtig, aber langfristig gesehen muss leistbarer Wohnraum geschaffen werden", sagt Hennermann.

Ähnlich sieht man das beim Roten Kreuz: "Mit unserer Notschlafstelle tragen wir das Problem mit, bieten aber keine Lösung", sagt der Sprecher Wolfgang Egger. Täglich müsse die Organisation sechs bis sieben Leute mit Schlafsäcken wegschicken, weil das Haus voll sei. Viele Menschen wohnen in den Notschlafstellen über Jahre.

"Gäbe es mehr Fluktuation, weil die Menschen Wohnungen finden, bräuchten wir auch nicht mehr Notunterkünfte", sagt eine der Initiatorinnen von Resilienz. Und das komme jedem zugute: "Obdachlosigkeit kann uns schließlich alle treffen." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 30.1.2015)

* Name von der Redaktion geändert

  • Ein warmes Bett gibt es in Innsbruck nicht für jeden, der eines sucht: Mehrere Obdachlose muss das Rote Kreuz täglich abweisen.
    foto: apa/fohringer

    Ein warmes Bett gibt es in Innsbruck nicht für jeden, der eines sucht: Mehrere Obdachlose muss das Rote Kreuz täglich abweisen.

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