Hande, die ermordete Frau aus Ottakring

Userkommentar30. Jänner 2015, 09:43
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Freundinnen und Freunde erinnern sich an ihr Leben – und kritisieren, dass zu wenig für die Rechte von transidenten Menschen getan wird

Anfang der Woche schickte die Nachrichtenagentur APA Meldungen über einen Mord in Wien-Ottakring aus. Etwa: "Gefesselte Leiche in Wien: Möglicherweise Sexualmotiv". Während die Polizei ermittelt und offiziell von einem Mord an einem 35-jährigen Mann gesprochen wird, erinnern sich Freundinnen und Freunde an das Leben der Transfrau Hande. Sie erzählen die Geschichte hinter der Meldung: Wer war Hande?

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Hande wurde in Samsun an der Schwarzmeerküste geboren und wuchs in Izmir auf. In der Türkei ist der Hass auf homosexuelle und transidente Menschen sehr weit verbreitet, in den alltäglichen und staatlichen Strukturen verankert. Wie viele transidente Menschen bekam Hande diesen Hass seit ihrer Kindheit zu spüren. Transidente Menschen werden von der Gesellschaft ausgegrenzt, und dies beginnt in den meisten Fällen schon in ihren Familienkreisen.

Diskriminierung in Familie und Schule

Das Recht auf Bildung und Ausbildung wird vom türkischen Staat auf verschiedene Art und Weise erschwert und verhindert. Die Diskriminierung im Bildungssystem hat dabei viele Gesichter: Jungen und Mädchen müssen geschlechtskonforme Kleidungen tragen. Transidente Menschen werden so in die gesellschaftlich gewünschten Rollenbilder gezwungen. Dabei haben sie in den meisten Fällen keine Hilfe der Familie zu erwarten – im Gegenteil: Die Familien üben meist einen Druck auf die Kinder aus und versuchen sie ebenso in die erwünschten Rollen zu zwängen.

Langes, traumatisches Warten

Bis zu ihrem Uni-Abschluss musste Hande als Mann leben. Es war ein langes, traumatisches Warten, in dessen Verlauf sie ihre Identität und Individualität nicht ausleben konnte. Laut einer Studie des LGBTI-Vereins Lambda Istanbul (LGBTI: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) haben 45,7 Prozent der Transfrauen in Istanbul einen Gymnasialabschluss und 11,2 Prozent einen Universitätsabschluss.

Nach ihrem Abschluss hat Hande damals kurz in einem männlichen Erscheinungsbild als Buchhalter gearbeitet, aber sie wollte sich nicht mehr verstecken und die von ihr erwartete Männerrolle nicht weiterspielen. Sie begann ihr Aussehen anzupassen, auch durch Operationen. So blieb ihr bald nichts anderes übrig, als der Sexarbeit nachzugehen, um ihren Unterhalt verdienen zu können. Bezüglich der Arbeitsmöglichkeiten in der Türkei stellt die Studie von Lambda Istanbul fest, dass eine große Anzahl (91,4 Prozent) der befragten Transfrauen irgendwann Sexarbeit geleistet hatte oder noch immer leistet.

Die Gewalt gegen Transfrauen geht in der Türkei von verschiedensten Akteuren aus. Viele Transfrauen erfahren physische und psychische Gewalt seitens ihrer Kunden, von Unbekannten, Sicherheitskräften wie Polizisten und Familienangehörigen. Diese Gewalt kulminiert oft in Mord und nicht selten in einer grausamen, den Körper der Transfrauen verunstaltenden Weise, wodurch der Hass auf sie über ihr Leben hinaus in ihren Leichen eingraviert wird. Hande ist das auch nach kurzer Zeit bewusst geworden und hat angefangen, sich Gedanken zu machen, wie sie in dieser grausamen Welt überleben konnte.

Lange Flucht

Die lange Flucht, die schon in ihrer Kindheit begonnen hat, hat sie im jungen Erwachsenenalter im Juli 2014 nach Wien gebracht. Als Asylwerberin wurde Hande im Flüchtlingslager Traiskirchen untergebracht. LGBTI-Individuen erleben aufgrund ihrer sexuellen Identität und/oder Orientierung mehrfache Diskriminierung. Psychische und physische Gewalt wie Vergewaltigungen, körperliche Misshandlungen, Bedrohungen, und Belästigungen in den Lagern werden verschwiegen. In manchen Ausnahmen schaffen es Betroffene, Kontakt zu LGBTI-Vereinen in Österreich zu knüpfen.

Schritt für Schritt ein neues Leben

Hande war eine dieser Ausnahmen. Sie hat mit der Hilfe von LGBTI-Aktivistinnen und -Aktivisten geschafft, ein Zimmer in Wien zu finden. Die Wohnungssuche war für sie als transidente Asylwerberin besonders schwer. Unter Zeitdruck nahm sie die erste Möglichkeit an. Um sich in Wien ein Leben leisten zu können, brauchte sie mindestens 600 Euro im Monat (immer noch weiter unter der Armutsgrenze). Als Asylwerberin bekam sie als Grundversorgung ca. 200 Euro und dazu ca. 120 Euro Wohnungsbeihilfe. Für ein zusätzliches Einkommen durfte sie offiziell entweder als Prostituierte oder Saisonarbeiterin oder schwarz unter sehr schlechten Bedingungen, wie viele andere Flüchtlinge, arbeiten. Deswegen hat sie einerseits für ihren Unterhalt keine andere Möglichkeit als Sexarbeit gesehen. Andererseits hat sie den Beruf weiter ausgeübt, den sie schon kannte. Dieses neue Leben, das sie sich hier Schritt für Schritt aufzubauen versuchte, wurde nun auf brutalste Art in Ottakring beendet.

Wir fühlen uns mitverantwortlich

Wir, als ihre Freundinnen und Freunde, fühlen uns mitverantwortlich. Wir haben uns nicht genug Gedanken über ihre Bedürfnisse gemacht, wie wir einen Beitrag leisten können, und wir haben uns nicht über ihre Situation auf dem Laufenden gehalten.

Die LGBTI-Vereine in Österreich sind ebenso mitverantwortlich – auch wenn einige Vereine versucht haben, sich mit LGBTI-Flüchtlingen zu solidarisieren. Wirkliche Bemühungen um die Änderung der strukturellen Probleme im Asylsystem blieben aus.

Der türkische Staat und die patriarchale türkische Gesellschaft sind mitverantwortlich, weil sie Hande nicht die Chance gegeben haben, in ihrer Heimat menschenwürdig zu leben.

Der österreichische Staat und die österreichische Gesellschaft sind mitverantwortlich, weil sie es Hande nicht gestattet haben, ihr neues Leben menschenwürdig zu gestalten. (Mitglieder der LGBTI-Solidaritätsgruppe Têkoşîn, derStandard.at, 30.1.2015)

Der Text wurde von Freundinnen und Freunden des Opfers verfasst. Têkoşîn ist eine Solidaritätsgruppe für LGBTI-Asylantinnen und -Asylanten sowie Migrantinnen und Migranten in Wien.

Zum Thema

dieStandard.at-Blog: trans.gender.trouble

  • Transidente Menschen werden ausgegrenzt –  oft schon in der Familie.
    foto: reuters/marko djurica

    Transidente Menschen werden ausgegrenzt – oft schon in der Familie.

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