"Great Voices" mit Joseph Calleja: Liebe geht durch das Ohr

29. Jänner 2015, 17:16
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Galakonzert mit Tenor Joseph Calleja, Paolo Bressan und der Philharmonie Brünn

Wien - Im Rokoko galt eine Frau von Welt als verhaltensauffällige Spaßbremse, wenn sie sich neben ihrem Ehemann nicht zumindest einen offiziellen Geliebten hielt - tempi passati. Der zeitgenössischen Frau ist eigentlich nur ein Liebhaber erlaubt, der sie nicht in den Orkus gesellschaftlicher Ächtung stürzt: der Tenor ihres Vertrauens. Über ihr Ohr dringt der Künstler sanft in ihre Seele ein und flutet diese mit Zärtlichkeit, Wonne und ekstatischer Leidenschaft - Dinge emotionaler Art, von der ihr Gatte schon längst Abstand genommen hat.

Im Rahmen der "Great Voices"-Serie war Joseph Calleja ins Wiener Konzerthaus gekommen, um mit seinem betörenden Stimmorgan Gemüter und Seelen zu balsamieren. Der maltesische Tenor interpretierte - in angenehm zügiger Art und Weise - bekannte romantische Opernarien und Lieder von Gounod bis Verdi, von Offenbach bis Puccini. Bei Calleja mischte sich das altmodische Timbre eines Tenors aus Schellackzeiten mit einer sehr virilen, geradlinigen Art zu singen: Wie Lanzen schossen seine Töne in den vollbesetzten Großen Saal des Konzerthauses, raumgreifend und mit heldischer Festigkeit.

Doch der 37-Jährige, der seit Jahren auf den großen Opernbühnen der Welt Anna Netrebko et aliae in aller Öffentlichkeit die Herzen brechen darf, versteht es dankenswerterweise auch, den Offensivgeist zu zügeln und fallweise auch mit Zärtlichkeit und bewegenden Piani zu fesseln - wie etwa im Rezitativ "O figli, o figli miei!" des Macduff aus Verdis Macbeth und in der darauffolgenden Arie "Ah, la paterna mano", dem differenziert gestalteten Höhepunkt des Abends. Bei den Spitzentönen störte ab dem eingestrichenen a ein eigenartiges Gurgelgeräusch den immerwährenden Wohlklang leider etwas, was aber der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch tat.

Anstelle von Frédéric Chaslin, der am Tag vor dem Konzert, wie Calleja ansagte, einen schweren Unfall erlitten hatte, leitete Paolo Bressan die Brünner Philharmoniker. Der junge, großgewachsene Italiener und ehemalige Assistent von Daniele Gatti und Christian Thielemann bewies sich als Ekstatiker und begnadeter Showman und peitschte das sympathische, solide Mittelklasseorchester speziell im Intermezzo aus Puccinis Manon Lescaut durch eine überschäumende See der Emotionen.

Vier Zugaben, und allerspätestens bei "O sole mio" - doch, doch, das muss sein - schmolzen alle emotionalen Verhärtungen in den Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer dahin wie Eis in der wärmenden Frühlingssonne. Stehende Ovationen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 30.1.2015)

  • "Great Voice": der maltesische Tenor Joseph Calleja.
    foto: epa / frank leonhardt

    "Great Voice": der maltesische Tenor Joseph Calleja.

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