Thomas Merton: Konversationen mit Gott und der Welt

30. Jänner 2015, 17:36
1 Posting

Der US-Mönch war einer der faszinierendsten spirituellen Lehrer des 20. Jahrhunderts. Am 31. Jänner wäre er 100 Jahre alt geworden

Am letzten Tag des Januars 1915, im Zeichen des Wassermanns, in einem Weltkriegsjahr und im Schatten französischer Berge nahe der spanischen Grenze, kam ich zur Welt": Mit diesem Satz beginnt Der Berg der sieben Stufen. Thomas Merton schildert darin seine Kindheit und Jugend in Frankreich und England, seine wilden Studienjahre an der Columbia University in New York, seine Konversion zur katholischen Kirche und den Eintritt in das im US-Bundesstaat Kentucky gelegene Trappistenkloster "Our Lady of Gethsemani". Als Brother Louis - so lautete sein Ordensname - verpflichtete sich der 27-jährige Merton aus vollem Herzen zu einem strengen Leben des Gebets, der Buße und des Schweigens.

Ende der 1950er-Jahre wurde aus dem gehorsamen, weltverneinenden jungen Mönch nach und nach ein fragender, weltoffener Ordensmann, ein vielseitig interessierter, suchender, dialogfreudiger Mensch. Merton beschäftigte sich mit Philosophie und Psychologie, Literatur und Politik. Als er begann, sich kritisch zur atomaren Aufrüstung und zum Vietnamkrieg zu äußern, erteilten ihm seine Ordensoberen zunächst ein Publikationsverbot, weil solche Fragen angeblich kein Thema für Mönche seien.

Unter Pseudonym

Merton publizierte seine Beiträge zum Frieden deshalb zeitweise unter Pseudonymen. In einem Brief an den befreundeten Jesuiten und Friedensaktivisten Daniel Berrigan ließ Merton seinem Ärger über die Ordensoberen freien Lauf: "Nun, ich hasse es, vulgär zu sein, aber ein Großteil der klösterlichen Parteilinie ist reiner Schwachsinn. Versuche, irgendetwas Ernsthaftes zu machen, und sofort werfen sie dir Aktivismus vor. Kurz gesagt, es ist alles in Ordnung, wenn sich der Mönch bei der Käseherstellung den Arsch aufreißt und so Geld für das alte Kloster scheffelt. Aber wenn es um Dinge geht, die wirklich sinnvoll für die Kirche wären, schaut das alles ganz anders aus."

Merton beschäftigte sich zunehmend mit anderen Religionen und ihrer Spiritualität, mit dem chinesischen Taoismus, mit der Mystik des Islam, Sufismus und Zen-Buddhismus. Er wurde vom vietnamesischen Buddhistenmönch Thich Nhat Hanh im Kloster besucht, erhielt von seinem Abt die Erlaubnis, in New York Gespräche mit dem buddhistischen Gelehrten Daisetz Suzuki über Zen zu führen und traf sich auf seiner Asienreise zu drei längeren Gesprächen mit dem Dalai Lama.

Kurze Zeit nach seinen Gesprächen mit dem Dalai Lama war Merton tot. Am 10. Dezember 1968 wurde er auf einer Konferenz von Ordensleuten in Bangkok tot auf dem Boden seines Zimmers liegend aufgefunden. Ein elektrischer Ventilator, der noch unter Strom stand, lag auf seiner Brust. Wahrscheinlich hat Merton geduscht, danach einen Herzinfarkt erlitten und im Sturz den Ventilator mitgerissen. Vielleicht aber hat er auch einen tödlichen elektrischen Schlag erhalten, als er barfuß auf dem Steinfußboden stand.

Der Dialog mit Buddhisten hatte Mertons Verständnis von Gebet und Meditation verändert. Er betrachtete das Gebet nun nicht mehr als eine von vielen Tätigkeiten, die auf der Erledigungsliste guter Christinnen und Christen zu stehen haben, sondern als grundlegende Dimension menschlicher Existenz: "How I pray is breathe. Ich bete, indem ich atme."

1965 erhielt er von seinem Abt die Erlaubnis, in einer zehn Gehminuten vom Kloster entfernten Einsiedelei zu leben, "ein kleines Haus, aber so klein auch wieder nicht", wie ein Freund es beschrieb. Merton trug sein Ordensgewand nur noch selten und machte ausgedehnte Spaziergänge in den Wäldern, beobachtete die Sterne und das Wild, lauschte dem Wind, dem Regen und dem Gesang der Rotkehlchen, Grundammern und Kardinalvögel. Einige Zeit darauf verliebte sich Merton bei einem Krankenhausaufenthalt in eine junge Krankenschwester. Die intensive und komplizierte Beziehung zwischen den beiden dauerte ein knappes Jahr.

Merton korrespondierte mit Gott und der Welt, mit Päpsten, Kardinälen und anderen berühmten Zeitgenossen wie dem Psychoanalytiker Erich Fromm und der Theologin Rosemary Radford- Ruether, mit den Schriftstellern Henry Miller und Boris Pasternak, aber auch mit seinen engen Freunden aus der Studienzeit an der Columbia University, vor allem mit Robert Lax und Edward Rice. In seiner Merton-Biografie The Man in the Sycamore Tree bezeichnete Rice seinen viel zu früh verstorbenen Freund als "Buddhist Catholic Hippie Monk". Diese Charakterisierung ist freilich etwas undifferenziert, ganz falsch aber ist sie nicht.

Der vor kurzem zurückgetretene steirische Diözesanbischof Egon Kapellari erklärte hinsichtlich seines bevorstehenden Ruhestands: "Ich hoffe, wie ich schon öfter gesagt habe, dass sich dann auch der ,Mönch in mir' stärker entfalten kann." Ich wünsche Bischof Kapellari, dass der Mönch, den er in sich entdeckt, etwas von Thomas Merton hat. Wäre das so, stünden dem Altbischof spannende Jahre bevor. (Kurt Remele, DER STANDARD, 31.1.2015)

Kurt Remele ist ao. Universitätsprofessor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre in Graz. "Der Berg der sieben Stufen" und andere Werke von Thomas Merton sind in deutscher Übersetzung im Patmos-Verlag erschienen. "Keiner ist eine Insel. Betrachtungen über die Liebe" wurde anlässlich seines 100. Geburtstags neu veröffentlicht. € 15,50 / 272 Seiten, Patmos-Verlag, Ostfildern 2015

  • "Großteil der klösterlichen Parteilinie ist reiner Schwachsinn": Rebell Thomas Merton.
    foto: emerett collection / picturedesk

    "Großteil der klösterlichen Parteilinie ist reiner Schwachsinn": Rebell Thomas Merton.

  • Artikelbild
    foto: patmos-verlag
Share if you care.