Roman Signer: Langsame Entdeckung der Schnelligkeit

30. Jänner 2015, 17:27
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Der Künstler arbeitet mit Bedächtigkeit auf Momente hin, in denen alles sehr schnell geht. Die Wiener Galerie Janda zeigt frühe Arbeiten

Soll man es für möglich halten, dass unter dem schwarzen Metallhut, der hier auf dem Boden liegt, gleich eine Sprengladung explodiert? Und dass er dann, wie in der dazugehörigen Skizze gezeigt, durch die Luft wirbelt, um mit der Krempe im Boden stecken zu bleiben? Die Vernunft weiß natürlich, dass in der Galerie Janda nichts dergleichen passieren kann. Man hat guten Grund, sich von dortiger Kunst nicht physisch bedroht zu fühlen.

Wenn einem der schwarze Hut am Ende dann doch wieder nicht ganz geheuer ist, hat man allerdings auch etwas vom Werk des Künstlers Roman Signer verstanden; geht es dem Künstler doch unter anderem um Potenziale, die in Dingen und Situationen angelegt sind. Zu imaginärem Anzünden lädt etwa auch ein Pinsel ein, an dem ein Knallkörper montiert ist: Dieser würde das Malwerkzeug geradewegs an die Wand schleudern, wo es - wenn es zuvor in Farbe getaucht worden wäre - einen Farbpatzer hinterließe.

Nun ist Roman Signer allerdings bekanntlich kein Künstler des Konjunktivs. Die Phase spannungsvoller Erwartung, in der sich Betrachter ausmalen, was geschehen könnte, ist lediglich ein essenzieller Bestandteil dessen, was als "Transformationskunst" oder auch "Zeitskulptur" bezeichnet worden ist.

Der 1938 im schweizerischen Appenzell geborene Roman Signer gehört zu den bemerkenswertesten Künstlern der Gegenwart. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch spektakuläre Aktionen in den 1980er-Jahren, bei denen er oftmals mit Sprengstoff arbeitete. So ließ er etwa einmal einen Farbeimer neben sich explodieren, um die eigene Silhouette an die Wand zu werfen.

"Der Knall ist nicht wichtig"

Die immer wieder verwendete Bezeichnung "Sprengkünstler" ist Signer allerdings eher unrecht: "Der Knall ist nicht wichtig", erklärte er in einem Interview im Vorjahr. Entscheidend an einer Sprengung ist für ihn der "schnelle Übergang einer Form zu einer anderen", wobei das nicht immer Zerstörung bedeuten müsse.

In der Galerie Martin Janda, wo derzeit frühe Arbeiten von Roman Signer ausgestellt sind, ist der Knall denn auch teilweise ausgeklammert, liegt nur als Vorahnung oder Echo in der Luft. Zu sehen sind nämlich hauptsächlich die Ausgangspunkte oder die Resultate von Signers Experimenten: Eine Reihe heliumgefüllter Ballone ist an die Decke geschwebt, weil das Wasser aus darangehängten Blechdosen herausgetropft ist. Den Zeitpunkt des "schnellen Übergangs", an dem also die Ballone abhoben, haben die allermeisten Betrachter verpasst.

Am Kippmoment teilhaben kann man indes bei einer großen Holzkiste, die innen über und über mit Farbe bespritzt ist. Ein Video im Obergeschoß zeigt den Aufbau dieses Versuches, bei dem ein Farbtopf über ein gespanntes Seil in die offene Holzkiste gerasselt ist. Spätestens wenn man sich auf dieses minutenlange Video einlässt, wird klar, dass es um den Knalleffekt überhaupt nicht gehen kann: Der faszinierende Humor an Roman Signers Arbeit rührt nicht zuletzt daher, mit welcher (schweizerischen?) Langsamkeit hier auf Momente hingearbeitet wird, in denen dann aber alles sehr schnell geht. (Roman Gerold, Album, DER STANDARD, 31.1./1.2.2015)

Bis 7. 3., Galerie Martin Janda, Eschenbachgasse 11, 1010 Wien

  • Der Kippmoment, in dem diese Ballone an die Decke schwebten, liegt nur als Nachhall in der Luft.
    foto: markus wörgötter

    Der Kippmoment, in dem diese Ballone an die Decke schwebten, liegt nur als Nachhall in der Luft.

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