Windows 10 angetestet: Microsoft schlägt den richtigen Weg ein

1. Februar 2015, 10:03
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Microsoft liefert mit jüngster Preview-Version viele neue Funktionen nach, behält aber noch einiges in der Hinterhand

Windows 10 wächst und gedeiht, der Entwicklungsprozess des Systems hat fast etwas organisches oder lebendiges an sich. Diesen Eindruck bekommt man bei einem Streifzug durch die aktuelle Vorschau des neuen Microsoft-Betriebssystems, dessen Entwicklung man diesmal direkt mitverfolgen kann. Erst vor wenigen Tagen hat Microsoft mit Build 9926 das bisher umfassendste Update der Windows-10-Preview veröffentlicht. Zeit, um dem Betriebssystem nach den Eindrücken im Oktober einen weiteren Kontrollbesuch abzustatten.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
Die neueste Preview-Version von Windows 10 bringt einige Änderungen und neue Funktionen.

Einige Neuerungen werden noch zurückgehalten

Seit Oktober, als der erste Preview-Build von Windows 10 für Teilnehmer des Windows-Insider-Programms veröffentlicht wurde, hat sich so einiges getan. Vor allem der jüngste Build mit der Versionsnummer 9926 sorgt für viele Veränderungen in Windows 10. Ganz so umfassend, wie die Microsoft-Präsentation in der letzten Woche vermuten lassen würde, fallen die Neuerungen jedoch nicht aus. Microsoft hat auch mehrere Monate nach der Vorstellung von Windows 10 noch nicht das gesamte Pulver verschossen und hebt sich einige der neu vorgestellten Funktionen für weitere Preview-Builds auf.

Cortana für Desktop-Geräte

Eine der offensichtlichsten Änderungen in der neuen Preview-Version von Windows 10 hat es sich neben dem Start-Button gemütlich gemacht – Cortana. Die digitale Sprachassistentin ist bereits aus Windows Phone 8.1 bekannt und feiert mit Windows 10 nun auch ihren Einstand auf dem Desktop. Der Funktionsumfang fällt vorerst jedoch noch gering aus, selbst auf der Bühne vorgestellte Sprachbefehle kann Cortana in der vorliegenden Version noch nicht ausführen. Generell ist recht unklar, welche Funktionen Cortana überhaupt beherrscht. Eine Übersicht über mögliche Sprachbefehle fehlt derzeit noch.

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Cortana zeigt unter anderem aktuelle Schlagzeilen an, kann Erinnerungen anlegen und spielt Musik ab.

Funktionsumfang unklar

Derzeit kann man also nur nach dem "Trial & Error"-Prinzip vorgehen und einige aus Windows Phone bekannte Sprachkommandos testen. Sehr häufig mündet das jedoch in der Antwort, dass Cortana diese Funktion derzeit noch nicht beherrsche und man nach einem Update zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal vorbeischauen soll. Außerdem ist derzeit nicht abzusehen, ob Cortana zur Veröffentlichung von Windows 10 überhaupt für den deutschsprachigen Markt angeboten wird. Ähnlich wie unter Windows Phone müssen die Sprach- und Landeseinstellungen in der Systemsteuerung von Windows 10 derzeit auf Englisch bzw. USA geändert werden, um Cortana aktivieren zu können.

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Bei vielen Sprachkommandos vertröstet Cortana auf einen späteren Zeitpunkt.

Mammutprojekt Systemsteuerung

Mit der Vereinheitlichung aller Geräteklassen unter Windows 10 arbeitet Microsoft auch an zahlreichen Universal-Apps. Diese teilen sich dieselbe Codebasis, besitzen aber eine für die jeweilige Bildschirmgröße angepasste Benutzeroberfläche. Eine dieser Universal-Programme ist dabei ein wahres Mammutprojekt – die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Systemsteuerung. Bereits seit jeher gelten die Einstellungen unter Windows nicht gerade als benutzerfreundlich oder übersichtlich. Windows 8 sorgte für zusätzliche Verwirrung, indem die Systemsteuerung sogar auf zwei verschiedene Ansichten aufgeteilt wurde.

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Die alte und neue Systemsteuerung – vollkommen getrennt sind die beiden Ansichten aber noch nicht.

Vereinheitlichung der Systemsteuerung

In Windows 10 wirkt Microsoft dem nun entgegen. Die Einstellungen wurden einer Frischzellenkur unterzogen und wirken weitaus aufgeräumter als zuvor. Vollkommen abgelegt wurde die Systemsteuerungs-Dualität aus Windows 8 jedoch noch nicht. Zwar können über die neue Anwendung sehr viele Einstellungen vorgenommen werden, vor allem bei tieferen Änderungen gelangt man jedoch wieder zur alten Oberfläche – etwa bei der Deinstallation von Programmen oder den erweiterten Netzwerkeinstellungen. Man darf annehmen, dass Microsoft hier weiter an Verbesserungen arbeiten wird. Der erste Schritt ist jedoch getan.

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Die neuen Einstellungen sind sehr übersichtlich gestaltet und klar strukturiert.

Charms-Leiste gehört der Vergangenheit an

Mit der Charms-Leiste, die am rechten Bildschirmrand verschiedene Einstellungen und Informationen bot, wurde im aktuellen Preview-Build ein weitere eher unbeliebte Funktion aus Windows 8 entfernt. Stattdessen klappt nach einem Klick in der Startleiste eine Art Benachrichtigungszentrale mit Schnelleinstellungen aus. Die Umsetzung ist derzeit jedoch noch ein wenig rudimentär, auch das Design scheint noch nicht ausgereift zu sein. Zudem werden auch die Entwickler ihre Apps für Windows 10 anpassen müssen. Bei einem Klick auf eine Facebook-Benachrichtigung öffnet sich etwa neben der App zusätzlich auch der Browser, bei einem Klick auf eine Benachrichtigung von Dropbox passiert hingegen gar nichts.

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Statt der Charms-Bar gibt es nun eine Art Benachrichtigungszentrale mit Schnelleinstellungen.

Design-Flickwerk

Generell wirkt Windows 10 auch Monate nach dem ersten Preview-Release noch nicht wie aus einem Guss. Bedienelemente, Programme und Menüs offenbaren teilweise ein wildes Design-Flickwerk aus Elementen von Windows 7, Windows 8 und Windows 10. Vor allem Desktop-Überbleibsel aus Windows-7-Zeiten – etwa so manche Systemeinstellungen oder die Pop-ups bei einem Klick auf die Lautstärke- oder Akku-Symbole in der Startleiste – wirken fehl am Platz. Mit dem sonst sehr flachen Design von Windows 10, das sich etwa im Startmenü oder den neuen Icons zum Minimieren, Maximieren und Schließen von Programmen zeigt, passen sie nicht so recht zusammen.

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Ein einheitliches Design zeichnet Windows 10 derzeit nicht aus.

Startmenü-Evolution

Nur kosmetische Änderungen gab es beim Startmenü, das nach seiner Abstinenz in Windows 8 mit dem kommenden Betriebssystem zurückkehrt. Das Menü wirkt nun insgesamt ein wenig durchdachter und nicht mehr ganz so zusammengeschustert wie in der ersten Preview-Version aus Oktober. Der linke, klassischere Abschnitt der Startleiste lässt sich derzeit jedoch nur sehr bedingt personalisieren. Noch nicht aktive Einstellmöglichkeiten deuten jedoch an, dass Microsoft hier noch Möglichkeiten schaffen wird.

Live-Tiles

In den bisherigen Preview-Builds wurde die Größe des Startmenüs dynamisch nach der Anzahl der abgelegten Live-Tiles berechnet. Vor allem bei einer großen Menge an Kacheln kann das schnell zu Unübersichtlichkeit führen. Das Startmenü besitzt daher nun eine fixe Größe, stattdessen kann durch die Liste an Live-Tiles durchgescrollt werden. Außerdem gibt es nur noch zwei Darstellungsmodi des Startmenüs: Das normale Startmenü mit fixer Größe für den Desktop-Modus und ein Vollbild-Startmenü für die Tablet-Bedienung.

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Im Tablet-Betrieb werden das Startmenü und alle Apps im Vollbildmodus ausgeführt.

Continuum sorgt für nahtlosen Übergang

Um diesen Übergang zwischen Desktop und Tablet auf 2-in-1-Geräten wie dem Surface Pro 3 angenehmer zu gestalten, führt Microsoft Continuum ein. Sobald Geräte wie das Surface mit einem Tastatur-Cover verbunden werden, wechselt Windows 10 nach einem Klick in den Desktop-Modus. Startmenü und Programme sind dann auf die Bedienung mit Tastatur und Mauszeiger optimiert. Wird das Tastatur-Cover abgesteckt, startet nach einem Klick der Tablet-Modus. Apps und das Startmenü werden dann im Vollbildmodus ausgeführt. Über eine Schnelleinstellung in der Benachrichtigungszentrale lässt sich zudem jederzeit zwischen Tablet- und Desktop-Modus wechseln.

Noch kein Spartan-Browser oder Game-Streaming

Viele weitere der in der letzten Woche vorgestellten Funktionen fehlen jedoch noch im aktuellen Build von Windows 10. Dazu zählen unter anderem der neue Webbrowser mit dem Codenamen "Project Spartan", das Streamen von Xbox-Spielen auf Windows-10-Geräte oder die neue Messenger-App, die Skype noch tiefer mit dem System verbindet. Auch einige weitere bereits vorgestellte bzw. angedeutete Universal-Apps für E-Mail, Kalender, Musik und Videos sind bisher nicht in der Preview-Version enthalten. Microsoft wird diese Änderungen wohl erst in den nächsten Monaten ausrollen. Bereits Teil der aktuellen Version sind hingegen die neuen Programme Karten, Xbox und Fotos. Letztere befindet sich jedoch noch in einem eher frühen Entwicklungsstadium, einige der Funktionen sind noch nicht verfügbar.

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Zu den neuen Programmen zählen unter anderem eine verbesserte Fotoverwaltung und eine Xbox-App – Game-Streaming ist derzeit aber noch nicht möglich.

Fehler und Bugs

Aber auch an anderen Ecken von Windows 10 schimmert das Entwicklungsstadium durch. Zwar konnten keine kompletten Systemabstürze verzeichnet werden, so manche Funktionen und Anzeigen sind aber noch fehlerhaft. Darunter die Suchleiste bzw. Cortana und die Benachrichtigungszentrale. Gewisse Apps wie etwa Skype neigen außerdem zu häufigen Programmabstürzen. Dies soll jedoch keine Kritik darstellen. Immerhin handelt es sich um eine Preview-Version, die gemeinsam mit dem Feedback der Nutzer bis zur Veröffentlichung zu einem fertigen Windows 10 heranreifen wird. Interessierte Nutzer sollten deshalb vor der Installation von Windows 10 unbedingt ein Backup ihrer Daten anlegen. Außerdem ist es ratsam, Windows 10 noch nicht auf einem Produktivsystem einzusetzen.

Fazit: Windows 10 emanzipiert sich zunehmend von den Vorgängern

Wirkte Windows 10 nach der ersten Preview-Version im Oktober vor allem wie ein Konglomerat aus Windows 7 und 8, hebt sich das neue System durch einige Funktionen nun bereits deutlicher von den Vorgängern ab. Microsoft hat sein Versprechen, dass im Oktober nur ein kleiner Teil der Neuerungen gezeigt wurde, also eingehalten. Einige spannende Funktionen, darunter der neue Webbrowser und das Game-Streaming, werden derzeit jedoch noch zurückgehalten. Diese und weitere Neuerungen hebt man sich wohl für die kommenden Preview-Builds auf.

Nach einer Flut an neuen Funktionen hechelt lediglich die Benutzeroberfläche noch ein wenig hinterher, Windows 10 wirkt noch nicht wie aus einem Guss. Derzeit findet man eine Kombination aus Bedienelementen aus Windows 7, 8 und 10 vor. Daran muss Microsoft noch weiter arbeiten. Der eingeschlagene Weg scheint auf jeden Fall in die richtige Richtung zu führen. Man darf hoffen, dass spätestens mit der Finalversion, die vermutlich im Herbst oder gegen Ende des Jahres erscheinen wird, ein stimmiges Gesamtbild entsteht.

Kostenloses Update

Mittlerweile hat Microsoft bekannt gegeben, dass das Update auf Windows 10 für alle Nutzer von Windows 7 oder neuer im ersten Jahr nach der Veröffentlichung kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Gründe, von diesem Angebot nicht Gebrauch zu machen, sollte es kaum geben. Bis zur Veröffentlichung der finalen Version dürfte es aber noch einige Monate dauern. Ärgern können sich hingegen bereits jetzt Nutzer des Surface RT und des Surface 2. Microsoft hat bestätigt, dass es für Windows RT 8.1 kein Update auf Windows 10 geben wird. Zumindest ein paar der neuen Funktionen sollen jedoch über ein Update nachgeliefert werden. Erst vor wenigen Jahren gab es für Nutzer von Windows Phone 7 eine ähnliche Hiobsbotschaft. Auch diese Geräte landeten schnell am Software-Abstellgleis. (Martin Wendel, derStandard.at, 1.2.2015)

grafik: microsoft
Ein Betriebssystem für alle Geräte: Die Windows-10-Produktfamilie


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