Ärztinnen und Ärzte zwischen den Mühlsteinen

Userkommentar29. Jänner 2015, 20:02
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Ein Berufsstand, zerrieben zwischen öffentlicher Meinung und Politik – Asklepios-Gewerkschafter fordert Urabstimmung in Wien

Das neue Ärztearbeitszeitgesetz ist seit 1. Jänner in Kraft. In Wien haben sich die Verhandler nun auf ein neues Arbeitszeit- und Gehaltsmodell geeinigt. Gernot Rainer von der Gewerkschaft Asklepios fordert eine Urabstimmung der Ärzteschaft.

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Der Hintergrund der aktuellen Debatte ist ein Arbeitszeitgesetz der EU aus dem Jahr 2003, das die Wochenarbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten auf 48 Stunden reduziert und ihnen vorschreibt, ihren Dienst nach 25 Stunden zu beenden. Zwölf Jahre später ist es nun mit 1. Jänner 2015 wirksam. Nicht weil die Politik, die Ärztekammern oder die Gewerkschaften plötzlich realisiert haben, dass Wochenarbeitszeiten von 60 Stunden und mehr sowie Dienste von über 30 Stunden und mehr eigentlich nicht zumutbar sind – weder dem Arzt noch dem mit diesem Arzt konfrontierten Patienten –, sondern weil Strafzahlungen der EU in Höhe von fünf Millionen Euro monatlich drohen. Doch unvorbereitet, wie man ob der kurzen Vorlaufzeit von mehr als zehn Jahren war, soll es nun Übergangsfristen bis 2021 geben.

Lebbare Arbeitszeiten

Doch die Ärztinnen und Ärzte wollen diesen Übergang nicht. Sie wollen lebbare Arbeitszeiten, die Möglichkeit, eine Familie und ein Leben außerhalb des Spitals zu haben. Sie wollen ausgeruht, konzentriert und mit der notwendigen Sorgfalt ihre Patientinnen und Patienten versorgen. Hierfür droht ein Reallohnverlust von bis zu 30 Prozent. Bei geringem Grundgehalt wurde dieser Teil des Einkommens bisher einzig durch Mehrarbeit lukriert.

Gesucht: Jungmedizinerinnen und -mediziner

Marktbereinigt liegt das Einkommen schon jetzt deutlich unter dem der deutschsprachigen Konkurrenten Deutschland und Schweiz, ohne Kompensation in der Zukunft noch weit darunter. Die Ärztekammer verkündete via Presseaussendung im September 2014, dass schon jetzt 600 österreichische Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz und 2.300 in Deutschland arbeiten. Spitäler suchen schon jetzt, teils händeringend, Jungmedizinerinnen und -mediziner. All diese fehlen bereits in der Versorgung unserer Bevölkerung.

Klischee dominiert öffentliche Debatte

Ein Mühlstein in der Debatte ist die öffentliche Meinung, die wenig bis keinerlei Verständnis für die Ärztinnen und Ärzte zeigt und das Klischee des geldgierigen Großverdieners propagiert, der jetzt noch mehr für weniger Arbeit will. Ein anderer ist die Landespolitik, die, komplett unvorbereitet auf die Situation, die Mehrarbeit der Ärzte braucht, nur gering das Gehalt nachbessert und damit möglichst viele Ärztinnen und Ärzte in ein Opt-out (schriftliche Bereitschaft zur Mehrarbeit) zwingen will, damit die medizinische Grundversorgung nicht kollabiert. Dies ändert nichts an den Arbeitsbedingungen, endet ohnedies 2021 und trägt zu keiner Attraktivierung des Arbeitsplatzes Österreich bei.

Zermahlen wird hierdurch ein ganzer Berufsstand. Nicht ausreichend vertreten, nicht durch die bestehenden Gewerkschaften, nicht durch die Ärztekammern. Es braucht deshalb Stimmen, die sich für eine Änderung der Struktur starkmachen, Lösungen erzielen, die von Bestand sind, damit auch in Zukunft eine optimale ärztliche Versorgung für die Bevölkerung besteht. Optimal für den Patienten, der seinen Arzt braucht und optimal für den Arzt, der seinen Patienten behandeln will. Bezüglich der am 29. Jänner getroffenen Einigung der Stadt Wien mit der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und der Ärztekammer fordert die Gewerkschaft Asklepios eine Urabstimmung der Ärzteschaft. (Gernot Rainer, derStandard.at, 29.1.2015)

  • Ärztinnen und Ärzte fordern lebbare Arbeitszeiten.
    foto: apa/helmut fohringer

    Ärztinnen und Ärzte fordern lebbare Arbeitszeiten.

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