Klage aus Moskau: "New York Times"-Artikel erschien auch im STANDARD

28. Jänner 2015, 17:47
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Eisenbahnchef Jakunin verlangt von "New York Times" Widerruf von Informationen in Putin-kritischem Artikel - Soll auch im STANDARD und der "Süddeutschen" veröffentlicht werden

Moskau/New York/Wien - Russlands mächtiger Eisenbahnchef Wladimir Jakunin geht gegen die "New York Times" vor. Vor einem Moskauer Gericht klagt er auf Widerruf eines Artikels, in dem über Zahlungen Jakunins an seinen Vertrauten, dem russischen Präsidenten, Wladimir Putin spekuliert wurde. Den Artikel vom April 2014 druckte auch der STANDARD in der wöchentlichen NYT-Beilage ab.

Anlass für Jakunins zivilrechtliche Ehrenbeleidigungsklage, die am 19. Februar vor einem Moskauer Bezirksgericht verhandelt wird, ist eine Publikation vom 27. April 2014. Peter Baker, der für die "New York Times" (NYT) aus dem Weißen Haus berichtet und zuvor auch Moskau-Korrespondent für die Zeitung war, hatte sich in seinem Artikel mit Spekulationen zu Putins Privatvermögen beschäftigt.

Am Rande verwies Journalist Baker dabei auch auf eine von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte Depesche des U.S.-Außenministeriums, in der über "beträchtliche Geldzahlungen" Jakunins an Putin gemutmaßt wurde. Der Chef der russischen Eisenbahnen streitet dies kategorisch ab.

Widerruf auch in Deutschland und Österreich

Die "New York Times" habe Jakunin nicht mit dem Vorwurf konfrontiert, erklärte dessen Anwalt Aleksej Melnikow gegenüber der APA am Dienstag. Zunächst solle in Russland vor Gericht bewiesen werden, dass die "New York Times" bei dieser Publikation gegen ihre eigenen Qualitätsstandards verstoßen habe, so Melnikow weiter. Bei einem Erfolg vor dem Moskauer Gericht erwarte er sich einen Widerruf auch von der "Süddeutschen Zeitung" in München und dem STANDARD in Wien, die den betreffenden Artikel in ihren jeweiligen "NYT"-Beilagen abgedruckt hätten.

"Sollten wir vor Gericht in Moskau gewinnen, werden wir uns wahrscheinlich mit der Bitte um einen Widerruf an den 'STANDARD' wenden", sagte Melnikow. Sollte dieser dem nicht freiwillig nachgekommen, werde man sich an ein österreichisches Gericht wenden, damit die russische Gerichtsentscheidung auch in Österreich Rechtskraft erlange. Er habe jedoch keinen Zweifel am professionellen und gesetzeskonformen Agieren der österreichischen Zeitung, fügte Melnikow hinzu. Kollegen in Wien, so Melnikow, hätten ihn über die österreichische Veröffentlichung informiert.

Noch keine Beschwerde eingelangt

Der STANDARD bestätigten gegenüber der APA am Mittwoch, den betreffenden Artikel vergangenes Jahr in seiner wöchentlichen "NYT"-Beilage abgedruckt zu haben, erklärt jedoch, dass bisher keine Beschwerden über ihn eingelangt seien. Gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RBK ging ein befragter Jurist am Montag zwar von einem gerichtlichen Erfolg Jakunins in Moskau aus. Die internationalen Erfolgsaussichten der Klage schätzte er jedoch als eher gering ein und vermutete, dass der Prozess insbesondere an ein russisches Publikum gerichtet sei.

Wladimir Jakunin selbst hat allenfalls Interessen in Österreich und ist in Wien auch nicht unbekannt. Der ehemalige Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdiensts KGB, der als langjähriger Vertraute von Putin gilt, ist Gründungspräsident und Mastermind der in Wien tätigen Nichtregierungsorganisation "Öffentliches Weltforum Dialog der Zivilisationen". Altbundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) fungiert in dieser Institution als einer der Ko-Präsidenten. (APA, 28.1.2015)

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