"Gruber geht": Nach Krebsdiagnose das Leben wieder schätzen lernen

31. Jänner 2015, 15:00
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Ist man mit schwerer Krankheit konfrontiert, relativiert sich vieles - in der Buchverfilmung "Gruber geht" wie auch im echten Leben.

Nach der Krebsdiagnose ist nichts mehr wie zuvor. Das muss auch der Mittdreißiger Johnny Gruber merken, der an Lymphdrüsenkrebs erkrankt - auch wenn er sich äußerlich nichts anmerken lässt und munter weiter raucht und säuft, als ob es kein Morgen gebe. Tief unter der dicken Schale aus Ironie und Schnöselgehabe beginnt sich aber etwas zu ändern. Eine Läuterung, die der österreichische Spielfilm "Gruber geht", basierend auf Doris Knechts gleichnamigem Roman, glaubhaft nachzeichnet.

Sturz aus dem Alltag

"Jede existenzielle Krise, so auch Krebs, ähnelt einem Sturz aus dem Alltag. Man verliert den Boden unter den Füßen und muss ihn erst wiederfinden", sagt Alexander Gaiger. In seiner Arbeit am AKH Wien und im auf onkologische Rehabilitation spezialisierten "Lebens.Med.Zentrum" Bad Erlach hat er erlebt, dass jeder anders mit einer Krebsdiagnose umgehe. Eines ist für ihn nach über 25 Berufsjahren aber klar: "Je länger ich als Onkologe tätig bin, desto mehr bewundere ich, was Betroffene leisten, wie viel Kraft und Vitalität sie in dieser schwierigen Phase aktivieren können."

Im Wesentlichen greift man nach einer Krebsdiagnose jeder auf bewährte Verhaltensweisen zurück, die man auch früher zur Krisenbewältigung eingesetzt hat. "Wer schon immer offensiv mit Problemen umgegangen ist, wird es auch bei einer Krebserkrankung so versuchen. Wer sich sonst eher zurückzieht, bemüht sich vielleicht eher, den anderen nicht zu Last zu fallen und die Dinge mit sich selbst auszumachen", sagt Gaiger.

Andere Prioritäten

Bei den meisten freilich ändern sich, wie auch beim fiktiven Johnny Gruber, die Prioritäten. Manches zuvor Wichtige relativiert sich. "Viele Patienten lernen das Leben wieder schätzen. Beziehungen und Begegnungen gewinnen oft eine neue Bedeutung", sagt Gaiger.

Auch wenn das meist ein äußerst schmerzhafter Prozess ist. Schließlich sind gleichzeitig körperliche, seelische und soziale Aspekte des Lebens betroffen: Die ungewohnte Umgebung im Krankenhaus, Beschwerden durch die Krankheit, Angst, unzählige Untersuchungen und Therapien. "Im Behandlungs- und Spitalsapparat ist man oft sehr alleine, auf sich selbst zurückgeworfen. Andererseits ermöglicht das klar strukturierte Vorgehen von Schwerpunktspitälern wieder Sicherheit, Boden unter den Füßen zu spüren", sagt Gaiger.

Ziel der Psychoonkologie ist es, gemeinsam mit dem Patienten und seinem familiären Umfeld Krankheit begreifbar zu machen, Ressourcen zu mobilisieren, persönliche Ziele zu definieren und so die bestmögliche Lebensqualität zu unterstützen. Sie ist eine relativ junge, interdisziplinäre Richtung und basiert auf einer psychotherapeutischen Ausbildung. Wesentlich ist der systemische Aspekt, dass die Krebserkrankung nicht nur Patienten, sondern auch Betreuer und Angehörige betrifft: Diese sollen in die Behandlung miteinbezogen werden.

Keine Erkrankung der Seele

Ganz entscheidend in diesem Zusammenhang ist es, Krebs als Krankheit wie jede andere anzusehen. "Noch immer herrscht der Irrglaube vor: Stress macht krank, man selbst ist schuld an seiner Erkrankung", sagt Gaiger. Das sei aber "absoluter Unsinn": "Krebs ist keine Erkrankung der Seele, sondern eine Verkettung von Zufälligkeiten, die letzlich zu einer Naturkatastrophe führen." Theorien von einer "Krebspersönlichkeit", die anfälliger als die andere ist, seien längst widerlegt.

Das zeige sich etwa in Studien von Menschen, die während des zweiten Weltkriegs in Europa bzw. in den USA aufgewachsen sind. "Nach dem Krieg waren viele Menschen in Europa traumatisiert, hatten die Schrecken von NS-Herrschaft, Krieg und Holocaust über viele Jahre miterlebt. Sie wiesen im Vergleich zu den Einwohnern der damals prosperierenden USA aber keine höheren Krebsraten auf", sagt Gaiger. Kriegsveteranen seien zwar für viele Krankheiten anfälliger, nicht aber für Krebs.

Aber auch bei einem Blick auf die derzeitigen Lebensrealitäten ist kein Zusammenhang von erlittenen Belastungen und Krebswahrscheinlichkeit ersichtlich. "Von den heute 60-Jährigen hat fast jeder ein einschneidendes Verlusterlebnis hinter sich, etwa den Tod von Elternteilen, Scheidung oder Pension. Deswegen hat aber niemand ein höheres Risiko für Krebs", so der Experte. Das zeigen auch Studien. Auffallend ist allerdings, dass soziale Faktoren, wie Bildung und Einkommen, die einen dokumentierten starken Effekt auf das Überleben haben, im klinischen Alltag wenig Beachtung finden.

Mythen und Tabus

Doch warum existieren überhaupt so viele falsche Annahmen und Mythen zum Thema Krebs? "Wo das Wissen aufhört, fängt man an, sich Geschichten zu erzählen", sagt Gaiger. Das beginne bereits in der Sprache: In den USA spricht man nicht von "crab", sondern von"cancer". Der medizinische Begriff "Krebs" ist dort kein umgangssprachliches Wort, steht nicht für ein Tier, das man fast nicht knacken oder zerstören kann.

Auch die Unterscheidung zwischen "gutartigen" und "bösen" Zellen gebe es im angelsächsischen Sprachraum in dieser Form nicht, dort spricht man von malignen oder eben nicht malignen Zellen. "Die moralisierende Sprache im Deutschen trägt dazu bei, dass Krebs bis heute tabuisiert und mit schlechtem Gewissen in Verbindung gebracht wird", sagt Gaiger. Dazu gebe es aber nicht den geringsten Grund.

Psychosomatik vernachlässigt

Aus diesen Gründen wird hierzulande viel weniger offen über Krebs geredet als etwa in den USA, wo Gaiger sechs Jahre lang gelebt und gearbeitet hat. Zudem werde die Psychosomatik, insbesondere im Bereich von Krebs, aber auch generell, in Österreich stark vernachlässigt, sagt Gaiger: "Ausgerechnet in dem Land, in dem die Psychotherapie begründet wurde und zu ihren Höhenflügen aufblühte, fristet sie heute ein Schattendasein".

Er würde sich, gerade im Hinblick auf die zunehmende Zahl chronisch Kranker, eine verstärkte Berücksichtigung von Psychotherapie und Psychoonkologie sowie der ärztlichen Gesprächsführung im Medizinstudium wünschen. Auch brauche es mehr onkologische Schwerpunktspitäler und Psychosomatik-Professuren an den Medizin-Unis, so Gaiger.

Wenngleich sich im Bereich der Langzeitbetreuung schon vieles verbessert hat. Dank des Einsatzes der Pensionsversicherungsanstalt können alle Krebspatienten nach Abschluss Ihrer Behandlung nun eine onkologische Rehabilitation in Anspruch nehmen - so soll der Weg vom Überleben zum Leben erleichtert werden.

Auch das neue Ärztekammer-Diplom "Breaking Bad News" soll Ärzte auf das Thema sensibilisieren. Und nicht zuletzt trägt auch der Film "Gruber geht" dazu bei, der mit dem Thema Krebs so unverkrampft umgeht, wie man es sich nur wünschen kann. (Florian Bayer, derStandard.at, 31.1.2015)

  • Manuel Rubey als krebskranker Johnny Gruber. "Krebs ist keine Frage von Schuld", sagt Onkologe Alexander Gaiger.
    foto: thimfilm/petro domenigg

    Manuel Rubey als krebskranker Johnny Gruber. "Krebs ist keine Frage von Schuld", sagt Onkologe Alexander Gaiger.

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