Rotes Kreuz bangt um Jobs für Sanitäter

29. Jänner 2015, 05:30
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Wiener Rettungsdienste schlagen Alarm: Weil die Krankenkasse vermehrt auf billige private Fahrtendienste setzt, müssen bald Stellen eingespart werden

Wien - Personen, die für ihre Beförderung vom oder zum ärztlichen Termin auf einen Krankentransport angewiesen sind, sollen möglichst mit einem billigen privaten Fahrtendienst statt mit einem teuren Rettungsauto samt Personal chauffiert werden. So wünscht es sich die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), die im Bereich der Krankentransporte großes Einsparungspotenzial ortet. Um die Zahl der Fahrten mit privaten Taxis zu erhöhen, richtete die WGKK Anfang 2013 eine Leitstelle ein. Dort werden Aufträge an sechs Anbieter vergeben.

Diese von der WGKK forcierte Entwicklung bekommen vor allem die unter der Marke "4 für Wien" kooperierenden Rettungsdienste empfindlich zu spüren. Führten das Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter und Malteser im Jahr 2012 gemeinsam noch 268.948 Krankentransporte durch, waren es 2013 nur 265.320 Fahrten. Im gleichen Zeitraum stiegen die Transporte mit privaten Fahrtendiensten von 173.367 auf 185.624.

Für das Jahr 2014 liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Laut Hochrechnung der WGKK entfallen aber bereits 210.000 Beförderungen auf die Fahrtendienste. Thomas Haller, Eigentümer von Hallermobil und Betreiber der Leitstelle, bestätigt diese Zahl im Gespräch mit dem STANDARD. "Wir erwarten eine Steigerung zwischen zwölf und 15 Prozent im Vergleich zu 2013", sagt Haller. Dem privaten Fahrtendienst stünden mittlerweile bereits 400 Fahrzeuge zur Verfügung.

Starke Einbußen

Die Rettungsdienste rechnen für das Jahr 2014 hingegen mit starken Einbußen. Laut Arbeiter-Samariter-Bund ergibt sich beim Krankentransport ein Minus von sieben Prozent. Auch das Wiener Rote Kreuz bestätigt Rückgänge. "Wenn es so weitergeht, müssen wir bald Mitarbeiter abbauen", sagt Landesgeschäftsleiter Alexander Lang. Auch beim Arbeiter-Samariter-Bund sind Sanitäterjobs gefährdet, heißt es auf Nachfrage.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar: Seit September 2014 können dank einer Erweiterung des Gelegenheitsverkehrsgesetzes (Gelverk) private Fahrtendienste auch Patienten zur Dialysebehandlung oder zur Chemo- und Strahlentherapie bringen. Bisher war eine bewilligungsfreie Inanspruchnahme eines Krankenwagens für diese Patienten möglich.

Seit September 2014 muss der Transport durch einen Krankenwagen von einem Arzt beantragt und bewilligt werden. Rettungsorganisationen werden laut Eigenangaben seither signifikant weniger eingesetzt.

Sorge um adäquate Patientenversorgung

"Das ist eine Entwicklung vom hochwertigen, qualitativen Transport hin zum unqualifizierten Transport", sagt Lang. Ein Dialysepatient, der nach der Behandlung im Auto kollabiert, könne nicht mehr adäquat versorgt werden. "Bei Taxis fahren, anders als bei Rettungsdiensten, keine ausgebildeten Sanitäter mit." Zudem würden Rettungsorganisationen strengen Hygienerichtlinien unterliegen, Taxis aber nicht.

Diese Kritik lässt Haller nicht gelten. Fast alle Mitarbeiter der Taxiunternehmen seien im Umgang mit Patienten speziell geschult. "Zudem sind wir bei Krankentransporten oft schneller einsatzbereit als Rettungsorganisationen."

Fahrtendienste klar billiger

Die Kostenstruktur spricht klar für die Taxidienste: 18,20 Euro werden für eine Fahrt mit Taxler verrechnet. Der aktuelle Tarif des Roten Kreuzes beträgt 64,48 Euro - freilich inklusive Sanitätern, Zivildienern und/oder eines Freiwilligen im Rettungsauto. Die WGKK spricht in einer Stellungnahme bezüglich der Kosteneinsparungen von einem "positiven Nebeneffekt".

"Der Vorteil mit den Fahrtendiensten ist, dort zu sparen, wo es realistisch möglich ist", sagt Haller. "Wir differenzieren sehr genau und schicken das günstigstmögliche Transportmittel." Ob eine Fahrt mit dem Taxidienst zumutbar sei, würde ja der Arzt beurteilen. Die WGKK peilt jedenfalls ein 50:50-Verhältnis zwischen Transporten von Blaulichtorganisationen und Fahrtendiensten an. 2012 hätten Rettungsorganisationen 76 Prozent aller Beförderungen durchgeführt. Für private Fahrtendienste ist daher noch ordentlich Luft nach oben.

"Keine Lobby für Sanitäter"

RK-Landesgeschäftsleiter Lang befürchtet, dass beim Krankentransport bald "viele Sanitäterjobs durch McJobs" in der Taxibranche ersetzt werden. Damit verbunden sei auch ein deutlich geringeres Gehalt - plus mehr Arbeitsstunden. Lang sorgt sich auch um ein mögliches Aushöhlen des Kollektivvertrags für die Krankentransportbranche, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Lang: "Leider haben gut ausgebildete Sanitäter keine Lobby." (David Krutzler, DER STANDARD, 29.1.2015)

Auf der Homepage der Fahrtendienstzentrale (nach Registrierung) oder unter 01/48858 können Patienten eine Krankenfahrt mit dem Fahrtendienst bestellen.

  • Ein Krankentransport wird bei Rettungsorganisationen wie dem Roten Kreuz mindestens von einem Sanitäter und einem Zivildiener begleitet. Wird ein billigerer Transport durch einen Fahrtendienst angefordert, ist es ein Mietwagenfahrer. Eine Zusatzausbildung ist nicht verpflichtend.
    foto: rotes kreuz

    Ein Krankentransport wird bei Rettungsorganisationen wie dem Roten Kreuz mindestens von einem Sanitäter und einem Zivildiener begleitet. Wird ein billigerer Transport durch einen Fahrtendienst angefordert, ist es ein Mietwagenfahrer. Eine Zusatzausbildung ist nicht verpflichtend.

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