Jihadisten in Europa: Zur falschen Zeit am falschen Ort

28. Jänner 2015, 17:32
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Workshops, Kampf oder Entscheidungsfreiheit - Autor Doron Rabinovici und Religionspädagoge Moussa Al-Hassan Diaw diskutierten über Radikalisierung

Wien - Sie handelten lieber komplizierte geopolitische und religionshistorische Problemstellungen ab, bevor sie sich der Frage widmeten, die dem Publikum eigentlich auf der Seele brannte: "Was tun gegen den Jihadismus?" lautete der Titel der Diskussionsveranstaltung, zu der der Verein Mazzesinsel Donau-Hof am Dienstagabend lud. Interessierte füllten - angelockt von der Aussicht auf eine Antwort - die Reihen im Theater Nestroyhof.

Auch dass Diskussionsgast Moussa Al-Hassan Diaw vom "Netzwerk für sozialen Zusammenhalt" in seiner Arbeit gegen die Radikalisierung von Einwandererjugendlichen eintritt, dürfte die Erwartungen des Publikums, Konkretes zu erfahren, beeinflusst haben. Es sollte aber über eine Stunde und Aufforderungen aus den Zuhörerreihen brauchen, um den Moderator, ORF-Journalist Lorenz Gallmetzer, Diaw und seinen Konterpart, den jüdischen Autor Doron Rabinovici, zum erwünschten Thema zu lenken.

(Kein) Rassist sein

Diaw plädierte dafür, Workshops, Präventions- und Interventionsgespräche im Kampf gegen Jihadismus einzusetzen. Vorurteile, Feindbilder und Verschwörungstheorien könnten so auseinandergenommen werden.

Für Rabinovici ist die Situation "viel krasser": "Der Jihadismus ist eine tödliche Ideologie, die es zu bekämpfen gilt - künstlerisch, polizeilich, militärisch." Er wies gleichzeitig auf die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen hin: "Ich kann jeden Tag entscheiden, ob ich ein Rassist sein will."

Warum sich junge Menschen dem Jihad zuwenden, darüber konnten die Gäste nur spekulieren. Der Staat lasse die Kindeskinder der Gastarbeiter im Stich, meinte Gallmetzer. Rabinovici sagte, es handle sich "nicht um ein Migrationsproblem schlechthin". Diaw sah die Wurzel des Übels nicht in Armut und zu wenig Bildung, sondern in Ausgrenzungserfahrungen. Ein Mensch auf der Suche nach Zugehörigkeit kippe dann in die totalitäre Ideologie, wenn er "im falschen Moment auf die falschen Leute trifft". (Christa Minkin, DER STANDARD, 29.1.2015)

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