Die Reue und der "Judengehsteig"

28. Jänner 2015, 17:35
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Aus Spaß wurde Ernst beim Beschmieren der Stolpersteine. Angeklagte betonen Gesinnungswandel.

Salzburg - Anfangs habe er zur Gaudi im angetrunkenen Zustand die Stolpersteine in der Stadt Salzburg beschmiert, doch dann sei es ihm ernst gewesen, sagte der 21-Jährige vor Gericht. Ihm und seinem um ein Jahr älteren Komplizen wird schwere nationalsozialistisch motivierte Sachbeschädigung in 136 Fällen vorgeworfen. Bei der Fortsetzung des Geschworenenprozesses gegen die zwei jungen Männer wurde am Mittwoch der 21-jährige Angeklagte einvernommen.

"Damals habe ich es so empfunden: Die gehören weg. Ich glaubte, ich gehe auf einem Judengehsteig." Mit 17 Jahren sei er zur rechten Szene gekommen. Treffpunkt war, wie für viele Neonazis, die mittlerweile geschlossene Odins Bar. Die Rechtsradikalen hätten ihm Halt gegeben, erklärte der Salzburger. Ihm sei zwar bewusst gewesen, dass die Schmieraktionen strafbar seien, aber er habe geglaubt, dass ihm der Staat nichts anhaben könnte. "Ich dachte, wir Österreicher, wir Arischen, müssen uns verteidigen."

"Würde jeden Stein selber saubermachen"

Die Aussage des 21-Jährigen ähnelte der seines Komplizen sehr. Beide versuchten, die Geschworenen von ihrer Reue und ihrem Ausstieg aus dem rechtsextremen Milieu zu überzeugen. "Ich war fast sechs Monate in U-Haft, diese Einstellung habe ich jetzt nicht mehr. Wenn ich könnte, würde ich jeden Stein selber saubermachen", betonte der 21-Jährige seinen Gesinnungswandel.

Am Tag seiner Festnahme im Oktober 2013 klang das noch anders: Er bezeichnete sich als Person "mit einem ausgeprägten Nationalsozialismus" . Rückblickend differenziert der 21-Jährige: "Ich war kein tief verwurzelter Rechtsradikaler, ich hatte auch Freunde, die waren Moslems."

Urteil für Freitag erwartet

Laut Staatsanwaltschaft sollen die beiden Männer zwischen Februar 2013 und Oktober 2014 Stolpersteine verunstaltet und nationalsozialistische Parolen auf Parkscheinautomaten, Kleidercontainer und Fassaden gesprayt haben. Dem 22-Jährigen drohen zwischen zehn und 20 Jahre Haft, seinem ein Jahr jüngeren Komplizen fünf bis 20 Jahre. Ihre damaligen Freundinnen, 20 und 17 Jahre alt, sollen teilweise Schmiere gestanden sein. Außer der jüngsten Beschuldigten legten alle ein Geständnis ab. Das Urteil wird für Freitag erwartet. (ruep, APA, DER STANDARD, 29.1.2015)

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