Europas Gasindustrie leckt ihre offenen Wunden

Analyse29. Jänner 2015, 07:00
125 Postings

Binnen weniger Jahre hat sich die Gaswelt um 180 Grad gedreht. Außerhalb Europas steigt der Gasverbrauch, in Europa sinkt er

Wien - Der Gasverbrauch wird in den nächsten Jahrzehnten in die Höhe schnellen und die Preise mitziehen, sofern nicht rechtzeitig diversifiziert wird. Und überhaupt - Europa müsse sparen. Ohne effizienten Einsatz der kostbaren Energie werde die Importabhängigkeit des alten Kontinents ein ungemütliches Ausmaß erreichen. Was vor wenigen Jahren noch Mehrheitsmeinung war, ist inzwischen längst überholt.

"Wir dachten, wir hätten mit Gas ein sexy Produkt. Wir glauben das noch immer, nur - Europa denkt anders", brachte Edouard Sauvage, Strategiechef von Gas de France, am Mittwoch bei einer Gaskonferenz in Wien die Leiden der Gasindustrie auf den Punkt. Und tatsächlich, fast überall auf der Welt steigt der Verbrauch von Erdgas, in Ländern wie China oder USA sogar stark. In der Europäischen Union hingegen geht der Gaskonsum zurück, seit Mitte 2010 sogar ziemlich stark.

Dafür verantwortlich ist einerseits die Konjunktur, die seit Jahren lahmt. Andererseits hat der Minderverbrauch auch damit zu tun, dass in der Stromproduktion in zunehmendem Maße klimaschädigende Kohle das aus Umweltgesichtspunkten sauberere Gas verdrängt. Vorbei sind die Zeiten, als Gas die Brückentechnologie zu sein schien, um den Umstieg von großteils fossilen Brennstoffen auf mehrheitlich erneuerbare Energien wie Wind und Sonne zu ermöglichen. Anno 2015 heißt die Brückentechnologie, die auch bei Windflaute und verdeckter Sonne für brennende Lichter sorgt, Kohle. Und das hat wiederum mit den CO2-Zertifikaten zu tun, die viel zu billig sind und damit keine Signalwirkung entfalten.

OMV bekommt Gas günstiger

Unternehmen wie der Verbund, der mit Mellach ein funkelnagelneues Gaskraftwerk in seinem Portfolio hat, aber auch andere Stromerzeuger haben ihre mit Gas befeuerten Kraftwerke längst wertberichtigt. Dass sich die Lage rasch bessert, glaubt niemand. Und mittendrin steht die russische Gasprom - und wankt.

Durch das viele Schiefergas, das die Amerikaner mittels einer speziellen, von Umweltschützern kritisierten Technologie namens Fracking aus dem Gestein holen, sind die USA auf kein Importgas mehr angewiesen und vergrößern so die Gasblase in Europa zusätzlich.

Die Preise sind unter Druck. Das bekommt Gasprom zunehmend zu spüren. Erst am Donnerstag ist es der OMV gelungen, eine Anpassung des Liefervertrags für russisches Erdgas zu unterzeichnen. Über die Konditionen wurde Stillschweigen vereinbart. Man kann aber davon ausgehen, dass die neuen Verträge eine deutliche Ersparnis für die Vertriebsgesellschaft Econgas bringen, die zu fast 65 Prozent der OMV gehört. Inwieweit der Preisvorteil an die Konsumenten weitergegeben wird, bleibt abzuwarten.

Ukraine bleibt wichtig

An den drei Hauptrouten durch Weißrussland, die Ukraine und die Ostsee, auf denen russisches Erdgas nach Europa kommt, wird sich so schnell nichts ändern. Die Ukraine, die Russland durch den Bau der South-Stream-Leitung durchs Schwarze Meer über Bulgarien, Serbien und Ungarn bis vor Wien umgehen wollte, dürfte ihre Bedeutung als Gastransitland auf absehbare Zeit behalten. Dies umso mehr, als Russland den Bau von South Stream bereits im Dezember abgesagt hat. Zudem wurde gestern, Donnerstag, auch noch der Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream auf Eis gelegt.

Ganz überraschend kommt der Schritt nicht, ist die Leitung durch die Ostsee wegen der schwachen Nachfrage doch jetzt schon nur zum Teil gefüllt. Außerdem stöhnt Gasprom unter dem Verfall des Rubelkurses. Inwieweit der Plan der Russen realisiert wird, statt South Stream eine Turkish Stream zu bauen und Gas über die Türkei nach Europa zu liefern, traut sich im Moment auch niemand zu sagen. Solange die Sanktionen gegen Russland aufrecht sind, ist weder eine Finanzierung in Sicht noch zeichnet sich eine Einigung zwischen Gasprom und der türkischen Botas über den Preis der Gaslieferungen ab. "Eine Ankündigung ist das billigste, was es gibt", sagte ein Gasexperte.

Einschätzungen, die als sicher galten, es aber schon früher nicht waren, sind es jetzt noch weniger. (Günther Strobl, DER STANDARD, 29.1.2015)

  • Eine Kompressorstation in der Ostslowakei: Das Gasgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Vorbei sind die Zeiten, als die Produktion von Gas eine sichere Bank war.
    foto: apa/epa/filip singer

    Eine Kompressorstation in der Ostslowakei: Das Gasgeschäft ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Vorbei sind die Zeiten, als die Produktion von Gas eine sichere Bank war.

Share if you care.