Idiotentum als Religion

Kolumne28. Jänner 2015, 17:01
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Was die politische Instrumentalisierung von Religion anbelangt, versucht man in der FPÖ Ramsan Kadyrow nachzueifern

Gerade einmal vier Wochen ist das neue Jahr alt, und schon bringt es mir eine echte Überraschung, die ich möglicherweise mit einigen Standard-Leserinnen und -Lesern teilen darf: Wir haben einen persönlichen Feind!

Es handelt sich dabei um Herrn Ramsan Kadyrow aus Grosny. Herr Kadyrow ist von Beruf Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien und hat vor ein paar Tagen unmissverständlich erklärt: "Alle, die das Recht von Charlie Hebdo und anderen Medien unterstützen, religiöse Gefühle von anderthalb Milliarden Muslimen zu verletzen, sind meine persönlichen Feinde."

Nachdem der erste Schreck verflogen ist, lässt sich die anklagende Botschaft mit Gefasstheit tragen, zumal deren moralisches Gewicht ein wenig dadurch gemindert wird, dass es sich bei Kadyrow nach Einschätzung Amnesty Internationals um einen für Mord, Totschlag, Folter, Entführung und Korruption verantwortlichen Schwerverbrecher handelt.

Auch seine Einstellung zum Thema Frauenrechte (Zitat: "Die Frau ist ein Besitz, der Mann ist der Besitzer. Wenn eine Frau über die Stränge schlägt, wird sie unseren Sitten entsprechend von ihren Verwandten getötet.") ist dazu geeignet, das Nichtzustandekommen einer lebenslangen Freundschaft für verschmerzbar zu halten. Trotzdem sollte man die Sache nicht nur auf die leichte Schulter nehmen, denn Kadyrow lässt seinen neuen Feinden auch noch ausrichten: "Ich bin bereit zu sterben, um solche Menschen zu bestrafen, die unseren Propheten beleidigen."

Nun ließe sich darüber diskutieren, ob das Ertragen von einem bisserl Bestrafung eine in Betracht zu ziehende Option darstellt, wenn dadurch die Menschheit von Herrn Kadyrow befreit wird. Oder ob es doch klüger wäre, sich umgehend mit einer Bitte um Intervention an Johann Gudenus zu wenden, der dem tschetschenischen Präsidenten schon persönlich, an der Spitze einer FPÖ-Delegation, seine unterwürfige Ehrerbietung samt Lob für die "beeindruckenden Fortschritte" in der Kaukasus-Republik dargebracht hat.

Und apropos Charakterlosigkeit: Nicht von der Hand zu weisen ist auch die Vermutung, dass die in die Drohung verpackte suizidale Bereitschaft Kadyrows keine Sekunde ernst gemeint ist, sondern nur dazu dienen soll, gegen sein in der eigenen Bevölkerung vorherrschendes Wendehalsimage anzukämpfen. Als zum Märtyrertod bereiter Rächer der Muslime hofft er, seinen Wechsel vom Anti-Russland-Kämpfer zur Putin-Marionette vergessen zu machen.

Was die politische Instrumentalisierung von Religion anbelangt, versucht man in der FPÖ dem Freund aus Grosny nachzueifern. Beleg dafür ist eine aktuelle Presseaussendung des Kärntner Landesparteisekretärs Ewald Mödritscher, in der dieser erklärt, dass es "beim Ortstafelkonflikt nicht nur um Sprache, sondern um Religion ging".

Eine verblüffende Erkenntnis, die, vorgebracht in Kombination mit der Feststellung, Landeshauptmann Kaiser "bringt durch Unterwanderung das Land um", sowie den in freiheitlichen Presseaussendungen üblichen haarsträubenden Rechtschreibfehlern, die Frage offen lässt, um welche Religion es sich hier handeln könnte. Vielleicht ist es ja an der Zeit fundamentales Idiotentum als konfessionelles Bekenntnis anzuerkennen. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 29.1.2015)

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