Gemeinderätinnen als falsche Prostituierte in italienischer Kleinstadt

29. Jänner 2015, 05:30
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Zwei Politikerinnen kämpfen in Castel Volturno gegen illegale Prostitution und stellten sich einen Tag lang selbst auf den Strich

Anastasia P. und Stefania S. sind jung, attraktiv und bekleiden ein unspektakuläres Nebenamt: Sie sind Gemeindeparlamentarierinnen von Castel Volturno, einer Kleinstadt an der domitianischen Küste etwa 40 Kilometer nordwestlich von Neapel. Seit einigen Tagen redet halb Italien von den beiden. Denn sie haben sich letzte Woche als Freiwillige für eine unkonventionelle Aktion ihres Bürgermeisters Dimitri Russo zur Verfügung gestellt: Sie gingen, mit hohen Stiefeln, Strapsen und tiefem Ausschnitt als vermeintliche Prostituierte aufgemacht, im Kampf der Gemeinde gegen den illegalen Straßenstrich für einen Tag selbst auf die Straße. Russo ließ die Aktion heimlich filmen.

Man muss sich das so vorstellen: Anastasia P. und Stefania S. warten auf dem Trottoir auf Kundschaft, die Kamera dezent im Handtäschchen versteckt. Ein Auto hält an, der Fahrer kurbelt das Seitenfenster hinunter, erkundigt sich nach den Dienstleistungen und dem Preis. Dann kommt - drapiert mit der grün-weiß-roten Schärpe der italienischen Gemeindeoberhäupter - Bürgermeister Dimitri Russo aus seinem Versteck hervor. Er nimmt den Freier ins Gebet, weist auf die Gesetzeswidrigkeit seines Verhaltens hin und klärt ihn bei dieser Gelegenheit auch gleich über die Neuerungen bei der kommunalen Mülltrennung auf.

Aktion als Hilfeschrei

Und kurz darauf stehen auch noch zwei zuvor versteckte Polizisten ums Auto herum, notieren das Nummernschild, verlangen die Papiere und füllen eine Anzeige aus. Aber wirklich lustig ist das nicht - Russos Aktion war in Wahrheit ein Hilfeschrei. In Castel Volturno stehen an allen Ecken Prostituierte aus Afrika und Osteuropa. Die Kleinstadt liegt im Herzen eines von der Camorra beherrschten Landstrichs; weite Teile der einst von Goethe besungenen, zauberhaften domitianischen Küste sind heruntergekommen, ein trostloses, mit hässlichen illegalen Bauten zubetoniertes Niemandsland der Clans.

Im September 2008 metzelte ein Killerkommando mit Maschinenpistolen sieben unbescholtene schwarze Immigranten nieder - einfach so, als Machtdemonstration. Die Bekämpfung des organisierten Verbrechens und der Prostitution wäre eigentlich Sache der Carabinieri und der nationalen Polizei. Doch zumindest bezüglich des Straßenstrichs unternimmt der Staat wenig.

"Wie ein Stück Fleisch"

Bei der Aktion haben nicht nur die Freier ihre Lektion erhalten. Auch für die beiden falschen Prostituierten war der Tag auf der Straße eine lehrreiche, wenn auch schmerzliche Erfahrung. "Es war härter, als ich dachte", sagte Stefania S. dem "Corriere della Sera". Sie seien als Prostituierte zwar nicht echt gewesen - die Männer, ihre Blicke und ihre Offerten aber sehr wohl. Anastasia P. berichtete, sie habe zu Hause noch Stunden später gezittert: "Ich bin in eine Welt eingetaucht, von der ich meinte, dass ich Bescheid darüber wüsste. Aber es war tausendmal schlimmer." Wenn man auf der Straße stehe und von den Freiern angesprochen werde, dann fühle man sich nicht mehr wie eine Person, sondern wie eine Ware - "wie ein Stück Fleisch".

Bereut haben die beiden jungen Gemeinderätinnen ihren Einsatz jedoch "in keiner Sekunde", versichert Anastasia P. (Dominik Straub aus Rom, DER STANDARD, 29.1.2015)

  • Eine der beiden Gemeinderätinnen bei der verdeckten Aktion. Ein Ausschnitt des Videos wurde im Internet veröffentlicht.
    screenshot: video.corriere.it

    Eine der beiden Gemeinderätinnen bei der verdeckten Aktion. Ein Ausschnitt des Videos wurde im Internet veröffentlicht.

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