Erdölsuche vor Kanaren: "Brutale Militäraktion gegen Demonstranten"

Interview29. Jänner 2015, 10:58
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Greenpeace-Sprecher Barea fordert genaue Schadensanalyse vor Fuerteventura und Lanzarote

Große Erdölreservoirs wurden vor den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln vermutet. Obwohl sich die Bewohner der Atlantikinseln jahrelang gegen Förderungspläne gewehrt hatten, begann der spanische Ölkonzern Repsol im November mit Probebohrungen. Nun zog sich der zurück – doch nicht wegen der Bemühungen der Umweltschützer, sondern weil die Ölgewinnung nicht lukrativ genug ist. Julio Barea, der sich für Greenpeace mit der Angelegenheit befasst, befürchtet, dass schon durch die Probebohrungen Schäden an Flora und Fauna entstanden sind.

derStandard.at: Gibt es Hinweise auf Schäden durch die Sondierungen vor Fuerteventura und Lanzarote?

Barea: Nein, noch nicht. Darum fordern wir eine detaillierte Schadensanalyse vom Industrieministerium und von Repsol. Der Konzern trat eine überstürzte Flucht nach vorn an. Es gab einzig eine kurze Pressemeldung – die Qualität des Gefundenen sei miserabel und eine Ausbeutung wäre "vollkommen unrentabel".

derStandard.at: Wird Greenpeace auf eigene Faust mit Robotern die Stelle erkunden?

Barea: Die Schäden durch die Perforierung des Meeresbodens, aber auch an den Walbeständen vor den Kanaren durch die Lärmemission bei den Bohrungen, müssen erhoben werden. Das ist aber etwas, was wir von den Verantwortlichen fordern, und auch deren Aufgabe.

derStandard.at: Es hieß, das Erdöl sei mit Wasser vermischt. Ein Grund zur Sorge?

Barea: Wir wissen nicht, was genau in den Ergebnissen steht. Wir wissen auch nicht, ob es wahr ist, dass man lediglich ein einziges Loch mit einem Durchmesser von einem Meter gebohrt hat.

derStandard.at: Wer ist der Hauptverantwortliche?

Barea: Repsol hatte, so wird gemunkelt, keine große Lust auf das Kanaren-Abenteuer, das zudem ein teures Unterfangen war. Wir gehen davon aus, dass es der Druck aus Madrid war, der ausschlaggebend war. Ein Alleingang von Industrieminister José Manuel Soria, der ja selbst von den Kanaren stammt. Er hoffte, als derjenige auf den Archipel im Atlantik zurückkehren zu können, der Öl gefunden hat. Und damit Reichtum und einen neuen Boom brachte. Mittlerweile ist er eine Persona non grata. Er muss sich dort mit Personenschutz bewegen. Er wird stets beschimpft und ausgebuht.

derStandard.at: Greenpeace hat massiv protestiert, ein Schnellboot der Aktivisten wurde von der Marine gerammt. Es gab Verletzte, eine davon schwer.

Barea: Wir haben mehrere Gerichtsverfahren offen. Zum einen hat man unser Schiff beschlagnahmt. Wir mussten 50.000 Euro Kaution hinterlegen, um es nach Valencia zu überstellen. In einem weiteren Verfahren drohen uns 300.000 Euro Strafe, weil man uns vorwirft, das Meer an der Stelle, wo Repsol bohrte, verschmutzt zu haben. Dabei waren wir zwei Tage vor der Ankunft des Sondierungsschiffs vor Ort, inmitten des Ozeans, in internationalen Gewässern. In mehr als 25 Jahren bei Greenpeace habe ich keine derart heftige, brutale Aktion des Militärs gegen friedliche Demonstranten erlebt. Wir haben auch nicht, wie uns vorgeworfen wird, geplant, das Erkundungsschiff zu entern. Die Bordwand ist höher als zwölf Meter. Das kann man nicht erklimmen.

derStandard.at: Wie geht es der italienischen Aktivistin, die beim Rammen durch ein Marineboot schwer verletzt wurde?

Barea: Sie ist nach wie vor im Spital und beginnt mit der Rehabilitation. Drei Operationen waren notwendig, eine auf den Kanaren und zwei weitere in Italien. Sie wird sich aber, wie mir die behandelnden Ärzte in Italien erst gestern gesagt haben, komplett erholen und keine Folgeschäden davontragen. Durch den heftigen Aufprall hatte sie einen offen Bruch des Oberschenkelknochens und mehrere weitere Frakturen unter anderem der Rippen erlitten. Und sie hat dabei sehr viel Blut verloren. Dabei hatten wir noch Glück, dass sie nicht schwerer verletzt wurde.

derStandard.at: Angeblich war Marokko mit Partnern unweit der Kanaren erfolgreicher und denkt an eine Ausbeutung der Erdgas- und Ölvorkommen.

Barea: Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Vor Marokko wird auf der Kontinentalplatte sondiert. Und ebenso gilt: Bis heute hat man nichts gefunden, was die Ausbeutung rentabel gestalten würde. Schlechte Qualität, geringe Vorkommen, heißt es stets. Ich bin überzeugt, dass die Medienberichte hierzu spanische Regierungspropaganda sind. Nach dem Motto: Marokko sucht nach Öl, also machen wir das erst recht.

derStandard.at: Das Industrieministerium gab Repsol angeblich einen Blankoscheck, um "an einem beliebigen Punkt" weiterzusuchen.

Barea: Das ist eine Unwahrheit, die ihren Ursprung wohl im Industrieministerium hat. Es gilt, dass kein Erkundungsschiff sich in spanischen Gewässern dorthin bewegen darf, wo es will. Umweltverträglichkeitsprüfungen und weitere Bürokratie sind notwendig. Wir wissen, dass Repsol etwa bei Nijar an der Costa del Sol suchen darf. Ebenso bei Tarragona. Außerdem stehen seismische Sondierungen ohne Perforierung des Meeresbodens vor der Küste Kantabriens an. Was die Balearen betrifft, sollte längst das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung vorliegen. Wir gehen davon aus, dass diese negativ ausfallen und die Suche des Unternehmens Cairn Energy abgeblasen wird. Darauf kann auch eine aktuelle Klage der Regionalregierung der Kanaren Einfluss haben, die gegen Industrieminister Soria wegen Befangenheit vorgeht.

derStandard.at: Wie sehr erschweren die soeben beschlossenen "Knebelgesetze" die Arbeit von Greenpeace?

Barea: Es gibt, wie wir meinen, einen eigenen "Greenpeace-Absatz" in dem Gesetz, der Strafen von 60.000 Euro für jene erwägt, die auf Gebäude klettern, um etwa Transparente anzubringen – was eine typische Form unseres Protests ist. Und für diese meines Erachtens bei weitem übertriebene Strafe ist kein Gerichtsverfahren nötig, sondern das geht direkt den Verwaltungsweg. (Jan Marot, derStandard.at, 29.1.2015)


Julio Barea (48), geboren in Paris, ist Geologe und Energiesprecher von Greenpeace Spanien. Als Leiter der Kampagne gegen die Erdöl- und Erdgassuche vor den Kanaren war er mit an Bord, als die Marine das Boot der Umweltschützer rammte.

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Greenpeace Spanien

  • Auf hoher See setzte Greenpeace Aktionen gegen die Ölsondierungen.
    foto: greenpeace/copterclouds

    Auf hoher See setzte Greenpeace Aktionen gegen die Ölsondierungen.

  • Doch auch auf den Kanaren selbst hatte die Bevölkerung heftig gegen die Erdölerkundung protestiert.

    Doch auch auf den Kanaren selbst hatte die Bevölkerung heftig gegen die Erdölerkundung protestiert.

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