The Pop Group: Auf den Punk gebracht

29. Jänner 2015, 09:00
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Die britische Agit-Pop-Band um Megafon-Sänger Mark Stewart veröffentlicht nach 35 Jahren ein neues Album. Auf "Citizen Zombie" werden die Verhältnisse mit Funk, Free Jazz, Disco und Dub recht ordentlich zum Tanzen gebracht

Wien - 1980: Der Erste Golfkrieg findet gerade statt. Wegen der kriegerischen Aktivitäten der Sowjetunion in Afghanistan boykottieren einige westliche Staaten die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau. Ein Terrorattentat in Bologna fordert 83 Todesopfer. Die RAF ist so gut wie weg, dafür kommen die Neonazis. John Lennon wird erschossen. Bob Marley gibt sein letztes Konzert. David Bowie veröffentlicht sein letztes gutes Album. Die britische Agit- und Post-Punk-Band The Pop Group geht auf der Spitze ihres Misserfolgs auseinander.

Die Zeiten waren zwar speziell auch in Großbritannien dank der seit 1979 amtierenden Premierministerin Margret Thatcher denkbar schlecht. Aber irgendwie hatten sich nach all den Jahren der politisch motivierten Raserei die musikalischen Schocktaktiken der Pop Group in Richtung Erregunsroutine abgeschliffen.

We Are Time nannte sich 1980 das letzte Album. Es brachte nach den zumindest für kommende Musikerjahrgänge enorm einflussreichen Vorgängerarbeiten Y (1979) und dem ebenfalls 1980 veröffentlichten furiosen Höhepunkt For How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder? den real existierenden Irrsinn einer möglicherweise auf reiner Vernunft basierenden Paranoia auf den Punk - und auf den Punkt.

Bildet Bands und Banden

Beim Widerstandleisten in zersplitternden linken und anarchistischen Zirkeln (oder zumindest im Proberaum und Studio) muss man am Ende wahrscheinlich zwangsläufig an einen Punkt gelangen, der uns allen nicht behagt: "Wir" gegen "Sie" funktioniert eine Zeitlang gut als auch von Moral unterfütterte Lebensverbesserungshaltung, oder zumindest Pose. Man muss da immer sehr vorsichtig mit Wertungen sein. Am Ende setzt sich allerdings mitunter die Erkenntnis durch, dass es ein "Ich" gibt, das nicht zu "Wir" gehört, sondern auch Teil von "Ihnen" ist.

"Capitalism is the most barbaric of all religions. Department stores are our new cathedrals, our cars are martyrs to the cause", hieß es einst auf der zerfetzten, zerschredderten und aus allen musikalischen Formularen kippenden Pop-Group-Single We Are All Prostitutes mit Margaret Thatcher auf dem Cover. Und weiter: "Our children rise up against us, because we are the ones to blame."

Weil diese vor 35 Jahren getätigte Prognose noch nicht wirklich in der Realität eingetreten ist, meldet sich die sarkastisch The Pop Group benannte Band um den irren Chefparanoiker und Megafon-Agitator Mark Stewart aus dem britischen Bristol nun mit einem neuen Album zurück. Citizen Zombie nennt sich das Werk. Nach den Wiederveröffentlichungen des Albums We Are Time und der Kuriositätensammlung Cabinet Of Curiosities aus dem Vorjahr findet sich hier erstmals wieder neues Material in altbewährter Tradition.

Die letzten Jahre drehte die vor vier Jahren wiedervereinigte Pop Group wie so viele Wiedergänger der Post-Punk-Zeit ihre Runden mit einem Best-of-Programm im internationalen Festivalzirkus. Weil aber die Zeiten seit den damals schon reichlich schlechten Zeiten der Gründerzeit keinesfalls besser geworden sind, finden sich auf Citizen Zombie jetzt erneut wütende, rasende und gegen die Bollwerke des Systems anrennende Manifeste des gerechten Zorns wie auch der Verweigerung eines Systems, dessen Teil man ist.

Mark Stewart singt mit verzerrter Kopfstimme gequälte Parolen über "Neon Gods" und "Savage Messiahs". Der Bass schnalzt hypernervöse Läufe. Das Schlagzeug weist darauf hin, dass die Zeit möglicherweise kein Kontinuum ist. Die Gitarre simuliert Sturzkampfbomberangriffe und Häuserkämpfe. Manchmal werden mit ihr auch Überwachungsdrohnen abgeschossen. Dazwischen hallen Echoeffekte zurück in jene Zeit, als es der Pop Group gelang, Free Jazz, Funk, Punk, Disco und Dub-Musik zu einem Kessel Buntem aufzukochen.

Es ist nach wie vor atemberaubend, das zu hören. Auch wenn mit Produzent Paul Epworth ein Mann verpflichtet wurde, der zuletzt mit Adele den James-Bond-Titelsong Skyfall erarbeitete, hat er gegen diese Wahnsinnigen keine Chance. Der Zahn der Zeit mag zwar heute etwas langsamer mahlen, obwohl doch alles so viel schneller geworden ist. Aber dass es heute diese in jeder Hinsicht radikale Musik wieder gibt und wieder geben muss, ist ein Versäumnis der Jungen. Hier besteht eine Bringschuld. Mehr Randale! (Christian Schachinger, DER STANDARD, 29.1.2015)

  • Wenn sich die Kinder nicht gegen ihre Eltern erheben, müssen die Alten selbst wieder ran, um ihre Missetaten zu bekämpfen. Mark Stewart (links) und seine wiederbelebte Agit-Pop-Band The Pop Group rennen nach 35 Jahren Studiopause mit "Citizen Zombie" wieder gegen das System an.
    foto: chiara meattelli & dominic lee

    Wenn sich die Kinder nicht gegen ihre Eltern erheben, müssen die Alten selbst wieder ran, um ihre Missetaten zu bekämpfen. Mark Stewart (links) und seine wiederbelebte Agit-Pop-Band The Pop Group rennen nach 35 Jahren Studiopause mit "Citizen Zombie" wieder gegen das System an.

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