Das letzte Horn von Afrika

30. Jänner 2015, 09:18
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In Südafrika leben weltweit die meisten Nashörner. Trotz engagierter Maßnahmen gegen die Wilderei war aber auch die Zahl getöteter Tiere 2014 nirgendwo anders höher. Nun gelten alle Arten als bedroht

Langsam rollt der Geländewagen weiter, bis der Fahrer im südafrikanischen Krüger-Nationalpark vor einem braunen Gestrüpp hält. Ein riesiger Bulle tritt heraus, ein Breitmaulnashorn von prähistorischer Gestalt. Drei Tonnen, fünf Meter, und ein Kopf wie ein Felsen, auf dem zwei mächtige Hörner sitzen. Paläontologen bescheinigen dem Nashorn die erfolgreichste Geschichte eines Landsäugetieres. Es bevölkert den Globus seit mehr als 50 Millionen Jahren. Ein lebender Dinosaurier, dem es jetzt, im 21. Jahrhundert, ans Leder geht.

Das Jahr 2014 war das bisher schlimmste für Afrikas Nashörner. Allein in Südafrika wurden über 1215 Tiere von Wilderern getötet, wie das Umweltministerium in Pretoria mitteilte. Ein neuer Negativrekord. 2012 war es noch eines täglich, im Jahr 2004 zählte man gerade einmal zehn getötete Nashörner pro Jahr.

In Südafrika leben über 80 Prozent der weltweiten Population. Allein im Krüger-Park sind es rund 10.000 Breitmaul- und 600 Spitzmaulnashörner. Die Nashornwilderei ist im Wesentlichen ein Afrika-Asien-Konflikt. Pulver aus Rhinohorn gilt in Asien als Mittel gegen fehlende Potenz oder Krebs. Trotz aller Aufklärungsarbeit von Tierschutzorganisationen ist die Nachfrage gerade in der aufstrebenden Mittelschicht in China und in Vietnam ungebrochen.

2014 war die Wende: die Zahl aller Arten schrumpft

Dabei waren die Gefährdungsszenarien der einzelnen Arten bis vor kurzem unterschiedlich zu bewerten: Vom Nördlichen Breitmaulnashorn gibt es heute vermutlich weltweit nur noch vier Exemplare. Es steht damit de facto vor dem Aussterben, weil der einzige für die Zucht infrage kommende Bulle im Oktober 2014 starb. Der Bestand der Südlichen Breitmaulnashörner wird hingegen auf insgesamt 14.500 Tiere geschätzt. Er hat sich nach intensiven Schutzbemühungen in den letzten Jahren sogar wieder erholt. Ähnliches gilt für das Spitzmaulnashorn, dessen Populationsgröße einige Tausend erreicht. Doch nach Auffassung vieler Schutzorganisationen könnte 2014 tatsächlich die Wende eingetreten sein. Zum ersten Mal seit rund hundert Jahren schrumpft wieder die Zahl aller Arten.

Der Hintergrund: Die Schwarzmarktpreise für Horn sind geradezu explodiert. Nach Angaben des WWF werden für 100 Gramm Horn bis zu 2000 Euro gezahlt. Der Handel mit tierischen Substanzen ist nach Drogen-, Waffen- und Menschenhandel das viertgrößte illegale Geschäft der Welt. Den Umsatz schätzen Experten auf bis zu 22 Milliarden Euro pro Jahr.

Zahlreiche Maßnahmen

Obwohl die Regierung Südafrikas bereits das Militär gegen die Wilderei in die Nationalparks schickt, werden weitere Schutzmaßnahmen diskutiert oder bereits angewandt: etwa die Legalisierung des Handels, das Stutzen der Hörner, das Implantieren von GPS-Sendern oder das Einfärben, um Horn als Kunstgegenstand, und das Einspritzen von Gift, um es als Medizin unbrauchbar zu machen. Privatreservate wie Sabi Sand am westlichen Rand des Krüger-Parks sind bereits vollständig umzäunt. Nur wer Gast einer Lodge ist, kann den Wachposten am Eingang passieren.

Aktuell erscheint aber vor allem ein Projekt am ehesten geeignet, um gegen die Wilderer vorzugehen: Vor fünf Jahren entwickelte die Universität Pretoria eine DNA-Datenbank, in der der genetische Fingerabdruck der Nashörner erfasst wird. Die neue Methode ermöglicht eine lückenlose Beweisführung in der Kette zwischen Wilddieb, Schmugglern, Händlern und auch jenen, die ihre Immunität für den Export missbrauchen. Wenn künftig Horn beschlagnahmt wird, könne man es sofort zuordnen und Wilderer vor Gericht bringen. So rasch wie möglich sollen alle Nashörner Afrikas erfasst werden. (Beate Schümann & Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 30.1.2015)

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