Skifahren mit Datenbrille: Route zur Fichte

29. Jänner 2015, 16:18
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Die Skibrille könnte als Navi durchaus zielführend sein. Noch hapert es an Benutzerfreundlichkeit und an Genauigkeit. Ein Selbstversuch im größten Skiverbund Österreichs

Die wirklich wichtigen Zutaten für einen gelungenen Skitag sind alle da: zehn Zentimeter Neuschnee aus der letzten Nacht und schon in der Früh Sonnenschein, der der Planai im Jänner angenehme minus zwei Grad Außentemperatur auf knapp 2.000 Metern Seehöhe beschert. Da aber der Schladminger Hausberg mit mittlerweile drei weiteren Skigebieten, dem Hauser Kaibling, der Hochwurzen und der Reiteralm, verbunden ist, wollen bestimmt einige genau den Südhang mit der meisten Sonne in dieser Skischaukel finden.

19 Euro pro Tag

Pfadfinder auf zwei Brettern und andere analoge Navigatoren werden dafür wohl weiterhin die ausgezeichnete Beschilderung der 123 Pistenkilometer nutzten. Die Generation Bildschirmschauer hingegen kann in Österreichs größtem Skiverbund Ski Amadé seit Anfang dieser Saison ein neues digitales Gadget ausborgen: Um 19 Euro pro Tag bieten alle Skiverleiher bei den Talstationen derzeit rund 100 Datenskibrillen feil.

foto: ski amadé
Wer sich in Datenskibrillen Richtungsangaben per Head-up-Display erwartet, wird derzeit enttäuscht. Die Technologie ist noch zu teuer für die breite Masse.

Das ist insofern eine Neuheit im internationalen Skigebietezirkus, als eine im Rahmen eines aufwändigen EU-Forschungsprojekts geschaffene App GPS-Navigation und Echtzeitdaten auf der Piste verfügbar macht. Nordamerikanische Skifahrer, die solche Brillen schon wesentlich häufiger nützen, sehen durch diese bislang nur ein vereinfachtes Pistenpanorama und die eigene Position.

Auf die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung - neudeutsch "Augmented Reality" - setzen Touristiker wie Reisende seit Jahren große Hoffnungen. So ermöglicht etwa die 2008 von österreichischen Entwicklern veröffentlichte App Wikitude die Einblendung standortbezogener Infos auf mobilen Geräten. Oder für Nicht-Nerds formuliert: Wer die Kamera seines iPads in Rom auf das Pantheon richtet, kann die Infos für diese Sehenswürdigkeit ratzfatz auf dem eigenen Bildschirm nachlesen.

Bringt neue Kunden

Solche Helferlein sind nicht nur ungemein praktisch, wenn man das Pantheon kaum vom Petersdom unterscheiden kann und also vergeblich danach in gedruckten Reiseführern sucht. Apps wie Around Me versprechen zudem gute Geschäfte: Hinter dem Pantheon liegt bestimmt eine Boutique, die man ohne die Anwendung gar nicht gefunden hätte. Da ist es doch zielführend für Unternehmer, wenn auch das Smartphone oder der Tablet-Computer neue Kunden hinbringt.

Selbiges gilt freilich ebenso für ein Skibrillennavi, das technisch bereits in der Lage dazu wäre, Wintersportler auf schnellstem Wege zum Bernerwürstel-Sonderangebot in die nächste Skihütte zu lotsen. Das bisher größte Problem: Dort, wo solche Infos oft am interessantesten sind, ist entweder keine Internetverbindung verfügbar oder sie kostet hohe Roaminggebühren. Im Verbund Ski Amadé behilft man sich derzeit mit dem Ausbau von WLAN-Hotspots.Ein Nachteil zielführender alpiner Augengläser gegenüber bunten Metalltaferln an der Piste offenbart sich beim Selbstversuch schon nach der Ankunft bei der Planai-Bergstation: Sie müssen aufgeladen werden. Mit sieben Prozent Akkustand um neun Uhr früh kommt man gerade noch zur Talstation, wo man das Spielzeug von einer Sporthandelskauffrau erst einmal in den Sollzustand versetzen lässt.

foto: ski amadé

Eineinhalb Stunden später und einigermaßen geladen (nicht nur der Akku, sondern auch der Kunde), kann dann jene Funktion getestet werden, die technisch komplexer ist als ein Schnellladegerät: Der Sonnenanbeter will von der Planai auf die Hochwurzen geleitet werden und gibt ins Brillennavi den Sessellift "Sun Jet" ein. Der Name klingt nach sonnigem Südhang und lässt sich über ein klobiges Armband auf dem Skijackenärmel mit Fäustlingen problemlos anwählen. Die Distanz von viereinhalb Kilometern und ein Richtungspfeil werden sofort angezeigt - es kann losgehen.

Warten auf Galileo

Bei der ersten Gabelung lässt der digitale Wegweiser noch keine Zweifel offen, dass die linke Piste die richtige ist. Doch schon nach den nächsten Schwüngen schwingt auch der Pfeil verdächtig oft hin und her und pendelt sich auf einen Fichtenwald im rechten Winkel zur Abfahrt ein. Hier abbiegen? Der mehr als einmal von Kfz-Navis in die Irre geführte Fahrer tut das nicht und nimmt sich am Pistenrand kurz Zeit für die integrierte Bedienungsanleitung: "Achtung: Distanz- und Richtungsangaben sind als Luftlinie zu verstehen!", steht da.

Man hat also einen besseren Kompass in die Skibrille eingebaut. Gerald Binder von Evolaris, dem an der App beteiligten Forschungszentrum für mobile Kommunikation, erklärt dieses Manko so: "Für echte Turn-by-Turn-Navigation sind die GPS-Signale am Berg noch zu ungenau. Bis das funktioniert, werden wir wohl noch auf den Vollbetrieb der europäischen Galileo-Satelliten warten müssen."

foto: ski amadé

Der Skifahrer mit der marktreifen Navibrille will jetzt aber nicht warten und fährt auf einem steilen Abschnitt in Richtung Hochwurzen einmal ein bisserl schneller: exakt 53 Kilometer pro Stunde, wie er in der Brille von einem Guckloch ablesen kann. Sämtliche Informationen, die er während der Fahrt erhält, werden nämlich in einem Kamerasucher-ähnlichen Display angezeigt und nicht, wie oft in Filmen mit überschallschnellen Kampfjetpiloten gesehen, aufs Glas der Brille projiziert. Ist das nicht gefährlich, fragt sich der Proband und ist bereits viele Meter weiter talwärts - ohne direkten Blick auf die Schneefahrbahn.

Binder, der die Ablenkung vom Verkehr auf der Piste testen ließ, sagt dazu: "Ein Head-up-Display wie bei Piloten ist für die Freizeitindustrie noch zu teuer. Unsere Empfehlung ist daher, nur dann während der Fahrt auf das Display zu schauen, wenn man sich auch sicher fühlt. Immerhin 85 Prozent unserer Probanden gaben an, dass sie das täten. Technisch wäre auch eine automatische Abschaltung des Displays ab 20 km/h machbar. Doch wir wollen diese Entscheidung lieber den Benutzern selbst überlassen."

Neuer Name

Auf der Hochwurzen nach einem unwesentlichen Umweg am Ziel angekommen, steht der Skifahrer mit der Cyborg-Brille schließlich vor der Obertalbahn. Ist mit der Sonne kurzfristig auch der "Sun Jet" verschwunden? Das nicht, doch der Name der Liftanlage wurde vor kurzem an Ort und Stelle geändert, aber noch nicht in der App für die Brille.

Anderes, das aus technischer Sicht ebenfalls machbar ist, wurde in der Brillen-App des Pistenverbunds mit 760 Kilometern nach dem Forschungsprojekt zudem gar nicht umgesetzt. Der Echtzeit-Status von Staus vor einer Liftanlage inklusive Umleitung etwa. Weil Wartezeiten vor modernen Aufstiegshilfen ohnehin so gut wie nie mehr vorkämen, erklärt Manuel Schnell, Chef-IT-Techniker von Ski Amadé. Oder vielmehr, weil schon die Warnung vor potenziellen Staus in einem Skigebiet selbst durch rosarote Brillen als Negativwerbung gesehen werden könnte, sagt Gerald Binder etwas unverbrämter.

Zurück an den Start

Tatsächlich umgesetzte Funktionen der Brille wie die einfache Info, ob ein Lift offen oder geschlossen ist, brauchen Internet am Berg. Nicht immer ist ein WLAN-Hotspot in der Nähe, theoretisch kann man aber das Smartphone für den Netzzugang nutzen. Binder sieht bald Besserung: "Mit dem bevorstehenden Fall der Roaminggebühren in der EU werden solche Apps erst richtig boomen."

Bestes Beispiel dafür, dass die Akzeptanz technischer Lösungen weder an der Machbarkeit noch an den Kosten scheitern muss, ist derzeit die Datenbrille Google Glass. Vor allem Privatsphärenbedenken waren es, die Kritiker wegen der stets aufnahmebereiten Kamera auf den Plan riefen. Für das bei den Konsumenten unbeliebte Wunderding bedeutet das nun eine Reise zurück an den Start. (Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 30.1.2015)

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