Überreste des Alltags am Nil

31. Jänner 2015, 11:00
posten

Avaris war lange Zeit die wichtigste Hafenstadt im alten Ägypten - Österreichische Archäologen erforschen nun das tägliche Leben in der antiken Metropole

Wien - Alles hing vom Fluss ab. Er trug Wasser heran und fruchtbaren Schlick, diente als Nahrungsquelle und Transportweg. Sogar die halbwegs trockenen Anhöhen, auf denen die Menschen ursprünglich siedelten, waren sein Werk. Ohne ihn wäre nur Wüste gewesen - dürres Land, begrenzt von den Stränden des Mittelmeeres, und das bis heute.

Gemeint ist der Nil, der sich nördlich von Kairo zum Delta verzweigt. Die Landschaft ist außergewöhnlich fruchtbar. Ihre systematische Kolonisierung fand rund 2000 vor unserer Zeitrechnung statt. Am Pelusischen Nilarm wurde damals Avaris gegründet. Eine Art Reißbrettsiedlung, gebaut auf einer Anschwemmung aus Sand und feinem Kies. Die Errichtung erfolgte auf Befehl des Pharaos, nach strenger Planung und mit politischer Absicht, wie die Archäologin Irene Forstner-Müller im Gespräch erklärt. Für die Platzwahl dürfte vor allem die strategische Lage am Ostrand des Deltas entscheidend gewesen sein. "Es war der Ausgangspunkt zum Vorderen Orient." Die Neugründung gedieh bestens. Nach gut 200 Jahren hatte sich Avaris zu einer Stadt mit vermutlich bis zu 30.000 Einwohnern gemausert. Abgesehen davon dürfte sie einer der wichtigsten Häfen des Mittelmeerraums gewesen sein. Während der späten zwölften Dynastie, um 1600 vor unserer Zeitrechnung, bekam die Metropole einen ausgeprägten multikulturellen Charakter. Einwanderer kamen vor allem aus dem Nordosten, jenseits des Sinai. Die meisten von ihnen standen wahrscheinlich in Diensten der ägyptischen Herrscher und wurden wohl gezielt angeworben. "Die Ägypter selbst waren keine großen Seefahrer", sagt Irene Forstner-Müller. Die Fachkräfte für den Aufbau einer maritimen Wirtschaft holten sie sich anscheinend aus der Levante, der Heimat der Phönizier. Eine frühe Form der Globalisierung.

Hauptgott der Stadt

Forstner-Müller ist mit der Geschichte der ehemaligen Stadt im Nildelta eng vertraut. Die Expertin leitet die Außenstelle des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) in Kairo und somit auch die ÖAI-Grabungen in Tell el-Dab'a - dort, wo früher Avaris lag. Die Anwesenheit von Migranten aus dem Vorderen Orient zeigt sich unter anderem in den bildhaften Darstellungen von höheren Mächten, erläutert sie. "Seth ist der Hauptgott der Stadt gewesen." Die tierköpfige Gestalt gilt als klassische ägyptische Wüstengottheit. Abbildungen aus Avaris zeigen ihn jedoch mit Attributen des im levantinischen Raum verehrten Baals. Offenbar fand eine religiöse Hybridisierung statt.

Ein 2013 gestartetes, vom österreichischen Forschungsfonds FWF finanziertes Projekt soll detaillierte Einblicke in das tägliche Leben der antiken Metropole ermöglichen. Bei den bisherigen Untersuchungen wurden zahlreiche Gebäude, Gräber und das frühere Hafenbecken entdeckt, plus große Mengen von Keramik, Waffen, Gebrauchsgegenstände und auf Lehm geprägte Siegelabdrücke. Letztere dienten zur Kennzeichnung von Handelswaren.

Über Bohrungen konnte das ÖAI-Team sogar die frühere Tiefe des Nilarms ermitteln. Sie betrug bis zu elf Meter. Um noch mehr über den Alltag der ehemaligen Bewohner von Avaris zu erfahren, braucht es gleichwohl noch andere Methoden. Und möglichst viel antiken Müll. Allerdings ist organisches Material leider nicht so gut erhalten wie in den trockenen Regionen weiter stromaufwärts des Nils. "Knochen sind meist in einem sehr schlechten Zustand", erklärt Irene Forstner-Müller. Daran sei auch der wechselnde Grundwasserpegel schuld. Dennoch ist nicht alles verschwunden.

Die Wissenschafter haben zwar keine Latrinen oder dergleichen gefunden, doch viel Siedlungsabfall landete schlichtweg auf den Straßen und bildete dort Ablagerungen. Im Gegensatz zu früheren Grabungen nehmen die ÖAI-Experten deshalb buchstäblich jeden Dreck von den Fundorten unter die Lupe. "Wir sieben alles", betont Forstner-Müller. So können im zuvor getrockneten Aushub unter anderem die oben erwähnten Siegelabdrücke dingfest gemacht werden. "Das funktioniert super."

Mittels des sogenannten Flottierverfahrens lassen sich zudem verkohlte Pflanzenreste aufspüren. In einer gefüllten Wanne schwimmen sie auf der Wasseroberfläche. Die abgeschöpften Partikel bieten Einblick in die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung von Avaris. Darunter sind für das alte Ägypten typische Getreidearten wie Emmer und Gerste sowie Linsen und Feldbohnen, sagt Forstner-Müller.

Olivenkerne dagegen sind nur in den relativ jungen Schichten anzutreffen. Anscheinend gelangten diese Ölfrüchte erst ab Beginn des Neuen Reichs vor etwa 3500 Jahren nach Ägypten. Das Getreide diente oft zur Herstellung von Bier. Der vergorene, eher schwach alkoholische Körnersud war ein Grundnahrungsmittel, sagt Forstner-Müller. "Wir haben auch die damals üblichen Bierflaschen gefunden." Rund 30 Zentimeter hoch und aus Nil-Ton getöpfert.

Viel Fisch gegessen

Neben Brot, Bier und Hülsenfrüchten kam in der Hafenstadt erwartungsgemäß viel Fisch auf den Tisch. Davon zeugen die zahlreichen Gräten und Schädelteile im Abfall. Der wohlschmeckende Buntbarsch Oreochromis nilotica, in Ägypten "bolti" genannt, war offenbar schon zu Zeiten der Pharaonen hochbegehrt. Dasselbe galt für den Nilbarsch (Lates niloticus) und verschiedene Welsarten. Die ÖAI-Forscher finden auch Knochen einer Tierspezies, die heutzutage in der Region nicht mehr besonders beliebt ist - des unter Muslimen als unrein geltenden Schweins.

Interessanterweise jedoch wurden die Borstenviecher im antiken Avaris anscheinend nicht als Opfertiere eingesetzt. Ansonsten kommen bei den Grabungen Gebeine von Haustieren wie Rindern, Schafen, Eseln und Ziegen, aber auch von Krokodilen, Hasen, Schildkröten, Nilpferden und diversen, noch nicht exakt bestimmten Vogelarten zutage. Muscheln sind ebenfalls anzutreffen. Einige davon stammen sogar aus dem Roten Meer. Ob diese Meeresfrüchte das Nildelta allerdings in frischem Zustand erreichten, bleibt vorerst noch ungeklärt. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 28.01.2015)


Wissen: Eingliederung

Das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) mit Zentrale in Wien und Zweigstellen in Athen und Kairo ist derzeit als nachgeordnete Dienststelle des Wissenschaftsministeriums organisiert. Es gibt aber Überlegungen, dieses in die Österreichische Akademie der Wissenschaften einzugliedern.

Das ÖAI wurde 1898 als Reaktion auf die seit 1895 höchst erfolgreich durchgeführten Grabungen in Ephesos eröffnet. Bis heute zählt der Ausgrabungsort an der türkischen Westküste zu einem der bekanntesten Forschungsplätzen des Instituts. 20 wissenschaftliche Mitarbeiter betreuen zahlreiche archäologische Projekte im In- und Ausland. (red)


Link
www.oeai.at

  • Eine im antiken Ägypten übliche Bierflasche: rund 30 Zentimeter hoch und aus Nil-Ton getöpfert.
    foto: öai

    Eine im antiken Ägypten übliche Bierflasche: rund 30 Zentimeter hoch und aus Nil-Ton getöpfert.

Share if you care.