"Glückliche Menschen sind in allem besser"

30. Jänner 2015, 16:28
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Warum Gesundheit nicht bloße Privatsache ist und Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeiter lohnen

Karin Gutiérrez-Lobos, Vizerektorin für Lehre, Gender & Diversity an der MedUni Wien lässt nicht locker, wenn es um die Weiterentwicklung ihrer Organisation – aufgespannt zwischen Lehr- und Klinikbetrieb, zwischen Bundes- und Länderverantwortung – geht.

Und sie schafft es seit Einführung ihrer Personalentwicklungstagung 2010 immer, den Rektoratssaal zu füllen. Auch zu Themen, die in hierarchischen Organisationen noch gern belächelt werden – etwa Soft Skills, Gender-Awareness. Heuer war Betriebliche Gesundheitsförderung Thema, beleuchtet strukturell, als Führungsaufgabe (ja, auch im ärztlichen Bereich) und als gesellschaftlich relevante Aufgabe einer Universität.

"Glückliche Menschen sind in allem besser – das ist die Botschaft der Gesundheitswissenschaft", formulierte Bernhar Badura, Soziologe, Autor ("Sozialkapital") und Emeritus der Uni Bielefeld, warum Gesundheit natürlich nicht "Privatsache" ist und Gesundheitsinvestitionen in Mitarbeiter Investments in langfristigen Unternehmenserfolg sind.

Gesundheit, so Badura, sei eine der großen Schnittstellen in sozialen Systemen – es geht nicht nur um die immer wieder alarmierenden Zahlen zu Erschöpfung und Burnout. Badura: "Jedes Mehr an Mitarbeiterorientierung ist linear ein Weniger an Erschöpfungssyndromen." So werde das Thema Betriebliche Gesundheitsförderung auch ökonomisch anschlussfähig. Dazu passt, dass in den aktuellen Umfragen zum Motiv für einen Jobwechsel "das Betriebsklima" ganz vorne liegt.

"Führungskräfte können sich nicht aus der Verantwortung stehlen – die Kultur ist von der obersten Führung geprägt", so Badura. Apropos Betriebswirtschaft: Er hält für einen Irrtum, permanent Fehlzeiten ins Auge zu nehmen, weil darob gern vergessen werde nachzusehen, wie es den Anwesenden geht. Etwa mit den unmittelbaren Vorgesetzten. "Wir bilden Experten aus, die dann als Führungskräfte ihre Probleme haben und damit das Potenzial, andere zu schädigen."

Die Botschaft an Berater: Weg von der Jagd nach Fehlzeiten: "Nicht jeder Abwesende ist krank, nicht jeder Anwesende gesund." Präsentismus – also quasi lediglich möglichst lange körperliche Anwesenheit am Arbeitsplatz koste erwiesener Maßen ein Vielfaches von Fehlzeiten, fügt er für die Produktivitätsstatistiker an. Als gesundheitsförderliche Faktoren in Unternehmen soweit bekannt: Organisationsstruktur, Qualität der Kommunikation, Team-Kohäsion, Partizipationsmöglichkeit und Fairness.

Dass die Thematik, eingebettet in immer zunehmende Verdichtung der Arbeit, anhaltende Unsicherheit und wachsende Komplexität andauernd Bereicherung und auch Anspruch gewinne, blieb im Auditorium unwidersprochen. Auch auf den Impact der knapperen Budgets wurde aus aktuellem Anlass an der MedUni nicht vergessen. Badura plädierte für ein "studium generale", in dem diese relevanten Themen ausreichend Platz finden können, appellierte an Bewusstseinsschulung in allen Bildungssystemen. Für das individuelle Glück, Sinnerleben in der Arbeit, betrieblichen Erfolg und volkswirtschaftliche Gesundheit. (DER STANDARD, 31.01/01.02.2015)

  • Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos
    foto: ho

    Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos

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