Andrea Dusl: Im Netz mit dem Online-Lachs

1. Februar 2015, 09:00
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Zufluchtsort, liberales Asterixdorf und eierlegende Wollmilchsau: (Fast) 20 Jahre gemeinsam mit derStandard.at – über eine stabile, aber nicht ganz einfache Beziehung

Im Anfang war das Wort. Das Wort stand überall. Es knisterte, und es knitterte, wenn man das Wort zu sich nahm. Denn das Wort stand stets in einem Blatt. In der Zeitung, wie das hieß. Je nach gesellschaftspolitischem Gemüt und finanzieller Disposition waren das kolumnistisch keifende Kleinformate oder feuilletonfette Totholzzelte aus dem Ausland. Dazwischen gab es nicht viel, dies aber farblich abgesetzt – die Financial Times, die Gazzetta dello Sport und irgendwann den Standard. Zumindest in den Anfangsjahren wurde er den Geruch nicht los, ein par odistisches Unterfangen zu sein, das sich mit dem Mäntelchen der Ernsthaftigkeit gewandete.

Tatsächlich lagen die Dinge anders, der Standard war Manifestation eines ernsten, wenn auch anfänglich noch dünnen Bemühens um Hochleistungspublizistik, das sich mit dem Parodistischen nur zu immunisieren trachtete. Wie auch immer, es war nichts Anrüchiges dabei, den Standard zu lesen, ganz im Gegenteil. Der Standard war ein bürgerliches Blatt für Nichtbürgerliche. Man durfte es als Konsequenz seiner ironischen Intelligenz begreifen, dass es das lachsfarbene Blatt sehr früh auch im Netz zu lesen gab, in jenem Netz, von dem jetzt alle sprachen, dem grenzenlosen Rhizom, dem Labyrinth der Millionen Ariadnefäden.

Das Internet hatte alle Anzeichen von Schmuddeligkeit, Irre trafen Irregeleitete, Nerds nervten Geeks, und überall roch es nach Porno. Als Kind aus der Leopoldstadt war mir das Setting vertraut. Das Internet war eine weltumspannende Spielhalle, ein internationaler Prater. Ästhetisch bedarft, sprachlich bescheiden. Eine glitzernde Halbwelt. Zeitvergeudung nannten sie die einen, Weltrevolution die anderen.

Als ich über den Online-Standard stolperte, war ich schon sozialisiert im digitalen Dorf. Hatte gezockt, gesaugt und gestreamt, hatte Warez gedealt und nach Serials getaucht. Auf Geocities hatte ich mir ein kleines Seitchen eingerichtet, in der hierorts legendären Blackbox die Möglichkeiten (und Unmöglichkeiten) sozialen Netzwerkens geübt.

Ich kann den Tag nicht genau benennen, er liegt in einem Dunkel, das die Erinnerung nur vage und mit Vorsicht betreten will. Aber es gab einen Tag, den Tag eins – und ab dem, das kann ich mit Sicherheit sagen, gab es keinen weiteren Tag, an dem ich nicht den Online-Standard angesurft hätte. (Wie antiquiert das heute schon klingt: angesurft). Die repetitive Lese-Einkehr war keine große Leistung, denn der Standard war weit und breit die einzige Zeitung, die im Netz zu finden war. "Weit und breit" sind bedeutende Werte in einem Medium, das als endloses Geflecht verstanden werden darf.

Dunkle Anfänge

Ich will versuchen, in die dunklen Anfänge meiner Beziehung zum Online-Standard hinabzusteigen. Ich darf von einer Beziehung sprechen, weil ich irgendwann auch Mietfeder des Standard und damit gewissermaßen auch des Online-Standard wurde. In meiner Wahrnehmung waren Blatt und Website stets ein Kontinuum – und sie sind es für mich heute noch. Konzernmechanisch sind die Dinge ja komplexer.

Wie war das also, Online-Standard, als wir noch jung waren? Was war das für eine Welt? Was bewegte mich, was bewegte meine Freundinnen und Freunde? In einer Welt der Recherche und der Quellengenauigkeit ließe sich der genaue Zeitpunkt meines ersten Ansurfens ja festmachen.

Wüsste man meine IP-Adressen von damals noch, könnte man mein derStandard.at-Surfverhalten in diesen Tagen, Monaten, Jahren minutiös rekonstruieren, könnte benennen, was mich interessierte, wie lang ich in welchen Artikeln verbrachte, ja mit wem ich das Lesen bestimmter Seiten innerhalb des derStandard.at-Universums teilte. Das war immer auch Teil unserer Beziehung, Online-Standard. Bei aller Liebe.

Du versorgtest mich nicht nur mit Lektüre, sondern führtest Buch über meine Besuche bei dir. Easy-peasy. Ich hatte doch damals selber schon eine Website, die ich neugierig auswertete. Wir hatten also auch eine technische Beziehung, von der ich wusste, dass du sie zu Geld machtest – um mich dem Phantasma auszuliefern, das wäre alles gratis, Teil einer postmodernen Allmende.

So eine Art "Service"

Wie genau du das Geld mit meinem Konsum verdientest (und noch immer verdienst), ist auch heute nur wenigen bekannt. Damals durfte man es noch für so eine Art "Service" halten. Ich war täglich da, Online-Standard, und doch ist es genau diese Täglichkeit, die den Blick auf die kleinen Änderungen, auf die Progression, mit der du voranschrittest, verschleiert. Vor mir, neben mir, hinter mir. Die Änderungen erschienen ja im Minutentakt. Das war durchaus etwas Einzigartiges in einer Welt verschnarchter "Webauftritte" und lausig programmierter Selbstdarstellungen.

Kaum war man ein Stündchen offline, hatte sich die Meldungswelt schon verändert. Das war nicht neu in der Zeitungswelt, aber neu in der Zeitungsleserwelt. Lange vor Twitter gab es bei dir Nachrichtenupdates im Newstickertakt. Das machte dir so schnell niemand nach, zumindest nicht in Schnitzelland.

Und dann kam das Jahr 2000, das Jahr, in dem das Österreich der Zweiten Republik seine Würde verlor – seine politische und seine publizistische. Jörg Haiders Ankündigung, dass, wenn er etwas zu reden habe, in den Redaktionsstuben weniger gelogen werde, wurde nicht wahr. Als Haider was zu reden hatte, sprich an der Regierung war, wurde mehr gelogen.

In dieser Zeit der Dunkelbesonnung und des Schweigekanzlerns warst du, Online-Standard, ein Zufluchtsort für den Diskurs, ein liberales Asterixdorf inmitten der Ankündigungs-, Affirmations- und Legitimationspresse. Ausgerechnet eines deiner Gadgets wurde zu deinem wichtigsten Atout.

Das Online-Forum, gerne als schlecht beleumundeter Appendix belächelt, wurde zum Treffpunkt regierungskritischer und sonst wie aufmüpfiger Lesender. Unter dem Schutz der Anonymität wurden sie zu Autoren. Das ist jenseits der müßigen Debatte um Netzmeerschweinchen, Klarnamen und Bezahljournalismus eine zivilisatorische Großleistung. Die diskursive Alphabetisierung des Landes. Das Wort wurde dem Stammtisch entzogen und öffentlich gemacht. Free Your Mind... and Your Ass Will Follow, sangen Funkadelic 1970. Free your speech... and Your Name Will Follow, singen die Klarnamenfreunde heute.

Der Erfolg des derStandard.at-Forums ist ohne Schüssel und Haider nicht erklärbar. Nicht seine Reichweite und nicht der dort gepflogene Ton (oder Unton), nicht sein Impakt auf das, was man früher die "Leser-Blatt-Bindung" nannte. Aus den Kommentaren des Online-Standard könnte man minutiös die Faltungen und Verwerfungen der österreichischen Gesellschaft rekonstruieren, die Verfasstheit des Landes und seiner Konstituenten. Späteren Forschergenerationen ist zu wünschen, dass dieser Schatz archiviert bleibt und dem akademischen Datamining offensteht.

Die Verantwortlichen wissen um die Wichtigkeit dieser eierlegenden Wollmilchsau. Ohne derStandard.at-Forum gäbe es den Online-Standard nicht – und ohne Online-Standard den Standard wohl nicht mehr. So einfach ist das. So kompliziert ist das.

Das Erste jeden Morgen

Zurück zu unserer Beziehung, Online-Lachs. Du bist das Erste, was jeden Morgen auf meinem Bildschirm erscheint, seit dem Anbeginn der digitalen Zeitrechnung. (Tatsächlich dürfte unser Techtelmechtel erst 1996 begonnen haben, denn vorher hatte ich zwar schon einen eigenen Bildschirm, aber noch kein eigenes Telefonmodem. Wir erinnern uns, falls wir das können, das war jenes schrill kreischende Kästchen, das zwischen Computer und Telefonbuchse hing.)

Es liegt im Wesen von Beziehungen, dass sie im Falle einer glücklichen Entwicklung verklärt werden, im Falle des Scheiterns dämonisiert. Ich erinnere mich an eines der Motive, das mich in diesen frühen Zeiten an dich band. Ich sparte mir, das durften alle wissen, die mich dazu befragten, viel Geld für totes Holz.

Dennoch hatte ich das Gefühl, besser informiert zu sein als zu Zeiten der Gutenberggalaxis, besser in inhaltlicher Hinsicht und besser in Bezug auf die Aktualität der akquirierten Information. Zudem erlaubte der Online-Standard die exzessive Hingabe an eine "guilty pleasure": die Lektüre der schon erwähnten Leserpostings.

Du, geschätzter Internetlachs konntest von Anbeginn an all das, was andere Mediendampfer erst in den letzten Jahren mühsam und teuer und vielfach schlecht ins Netz stellten. Du stilltest mein Bedürfnis nach tagesaktueller Aufklärung, jenes nach individueller Meinungsaffirmation und das nach publizistischem Porno. Wer wie ich täglich und ausgiebig ins derStandard.at-Forum taucht, braucht keinen Blick in die Boulevardheftln des Landes zu werfen. Und dennoch konnte (und kann) das Forum der Niedertracht noch mehr. Ich habe dort Beiträge von luzider Klarheit und bewegender Sprachkraft gelesen. Mitten unter bösem Müll. Perlen des Denkens. Es dürfte keine falsche Vermutung sein, dass sich im derStandard.at-Forum unter der sicheren Larve der Anonymität das Gros des politischen und publizistischen Establishments herumtreibt.

Die Medienbeobachter und die Dienste sowieso. Klagbares und Unpublizierbares, so es die Wächterschranken der Zensoren passiert, kann die Adressaten politischer Botschaften schneller und sicherer erreichen als die Eingabe beim jeweiligen Salzamt.

Vielleicht spreche ich nicht nur für mich, sondern für viele hier. Wir sind in einer sicheren Beziehung miteinander, Online-Standard. Es ist keine Liebesbeziehung, sie ist nicht befeuert vom Wahnsinn manischer Zuneigung. Unser Verhältnis ist ein stabiles. Ich brauche dich, Online-Lachs, und du brauchst mich. Ich lese dich. Und du liest mich. Täglich. Ad multos annos, alter Freund! (Andrea Dusl, derStandard.at, 1.2.2015)

  • 1995

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  • 1998

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  • 2005

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