Mord an Putin-Kritiker Litwinenko wird untersucht

27. Jänner 2015, 21:56
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Der Mitarbeiter des britischen Geheimdiensts MI6 wurde in London mit Polonium vergiftet

Mit achtjähriger Verspätung hat am Dienstag vor dem Londoner High Court die Untersuchung der Todesumstände von Alexander Litwinenko begonnen. Der Dissident und Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes MI6 wurde im Oktober sowie an Allerheiligen 2006 mitten in London mit dem radioaktiven Isotop Polonium-210 vergiftet. Sein qualvoller Tod drei Wochen später löste europaweit Atomalarm aus. Es handle sich um eine "Angelegenheit von höchster Bedeutung", sagte Untersuchungsrichter Robert Owen. Der 70-Jährige muss unter anderem klären, ob der russische Staat in den Mord verwickelt ist.

Radioaktives Gift im Tee

Litwinenko hatte als Agent des Inlandsgeheimdienstes FSB in den 1990er-Jahren gegen organisierte Kriminelle ermittelt. Zunehmend desillusioniert über die Korruption der Strafverfolger beschwerte er sich im Juli 1998 ergebnislos beim gerade neu ernannten Behördenleiter: Wladimir Putin, heute Staatspräsident. Als Litwinenko an die Öffentlichkeit ging, wurde er entlassen und inhaftiert. 2000 gelang ihm mit Frau und Sohn die Flucht nach Großbritannien. In der Londoner Dissidentenszene schloss er sich Boris Beresowski sowie Ahmed Zakajew an, beide erbitterte Putin-Gegner. 2006 wurde er britischer Staatsbürger; wenig später traf er sich mehrfach mit zwei Russen - die ihm der Londoner Staatsanwaltschaft zufolge in der Pine Bar des Millennium-Hotels das radioaktive Gift in den Tee mischten.

Nach Litwinenkos Tod vermaßen Spezialisten mit Geigerzählern die Innenstadt, mehrere Flugzeuge von British Airways wurden vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Scotland Yard bezeichnete den "ungeklärten Todesfall" aber erst nach fast zwei Wochen als Mord. Als hätte man der Welt Zeit lassen wollen, sich an den ungeheuerlichen Gedanken zu gewöhnen, dass - wie im Kalten Krieg - sinistre Gestalten aus Moskau in den Westen reisen und dort Dissidenten umbringen. Tatsächlich erlaubt ein Gesetz von 2006 ausdrücklich die Ermordung sogenannter Extremisten durch russische Staatsorgane im Ausland. Die Entscheidung darüber obliegt allein dem Präsidenten.

Lugowoj beteuert Unschuld

Ein halbes Jahr nach dem Mord erhob die Kronanwaltschaft Anklage gegen den Russen Andrej Lugowoj, der seine Unschuld beteuert. Lugowojs Auslieferung nach London lehnte der russische Generalstaatsanwalt ab, mittlerweile sitzt der Geschäftsmann für die Liberaldemokraten in der Staatsduma. Später beschuldigten die britischen Ermittler auch Lugowojs Begleiter Dimitri Kowtun.

Im Saal 73 des High Court sollen bis Ostern dutzende Zeugen öffentlich Auskunft geben, darunter Beamte von Scotland Yard, Ärzte sowie die Witwe des Ermordeten. Sie werden von Kronanwalt Robin Tam befragt. Vier Parteien - Marina Litwinenko, Scotland Yard, das Innenministerium und die Atombehörde AWE - haben auch das Recht, Fragen zu stellen. Nach Ostern sagen Zeugen hinter verschlossener Tür aus.

Verlesen wurden am Dienstag auch Lugowojs Mordtheorien. Demzufolge hat entweder MI6 seinen bezahlten Agenten umgebracht. Oder Litwinenko fiel seinem früheren Gönner Beresowski zum Opfer. Letzterer starb im März 2013, wohl durch Selbstmord. Lugowoj ließ die Einladung zu einer Aussage per Videolink bisher unbeantwortet, MI6 schweigt beredt. Richter Owen hat also keine leichte Aufgabe. Bis Ende des Jahres will er zu einem Urteil kommen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 28.1.2015)

  • Alexander Litwinenko wurde 2006 in London vergiftet.
    foto: ap/alistair fuller

    Alexander Litwinenko wurde 2006 in London vergiftet.

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