Bettencourt-Prozess: Ringen um Aussage der wichtigsten Zeugin

27. Jänner 2015, 14:05
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Ex-Buchhalterin hatte sich krankgemeldet - Gericht will sie nun per Videokonferenz befragen

Bordeaux - Am zweiten Tag des Prozesses zu den Finanzaffären um L'Oreal-Milliardärin Liliane Bettencourt hat sich am Dienstag alles um die Aussage einer entscheidenden Zeugin der Anklage gedreht: Das Gericht im südwestfranzösischen Bordeaux ordnete ein medizinisches Gutachten an, um die frühere Bettencourt-Buchhalterin Claire Thibout zumindest per Videoschaltung vernehmen zu können.

Thibout, die sich krankgemeldet hat, hatte insbesondere den Vorwurf erhoben, dass der heute 92-jährigen Multi-Milliardärin das Geld aus der Tasche gezogen worden sei - auch um illegal den Wahlkampf von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy zu finanzieren.

"Ausnutzung der "Schwäche"

In dem Prozess zu der sogenannten Bettencourt-Affäre, die Frankreich über Jahre beschäftigte, müssen sich insgesamt zehn Angeklagte vor Gericht verantworten. Ihnen wird in erster Linie die "Ausnutzung der Schwäche" der alten Dame vorgeworfen, die laut medizinischem Gutachten seit 2006 an Demenz leidet. Angeklagt sind unter anderen der frühere Vermögensverwalter Bettencourts, Patrice de Maistre, und der langjährige Sarkozy-Vertraute und frühere Schatzmeister der konservativen Partei UMP, Eric Woerth. Auch gegen Sarkozy selbst war ermittelt worden, das Verfahren wurde aber eingestellt.

Ex-Buchhalterin Thibout hatte im Laufe der Ermittlungen ausgesagt, dass Sarkozys Wahlkampf-Schatzmeister Woerth von de Maistre 150.000 Euro Bargeld für den Wahlkampf 2007 erhalten habe. Ende vergangenen Jahres wurde dann aber ein Ermittlungsverfahren gegen Thibout wegen Falschaussage eröffnet, nachdem sich die heute 56-Jährige in Widersprüche bei den Details zu ihren Aussagen verheddert hatte. Die Verteidigung führt dies nun in dem Prozess ins Feld, um Thibout als Zeugin unglaubwürdig zu machen.

Verfassungsrechtliche Frage

Der am Montag begonnene Prozess war kurz nach dem Auftakt zur Klärung einer verfassungsrechtlichen Frage vertagt worden. Das Gericht entschied nun, dass diese Frage nicht dem Kassationsgerichtshof vorgelegt werden müsse und der Prozess daher fortgesetzt werden könne.

Einer der Angeklagten, der frühere Krankenpfleger Bettencourts, Alain Thurin, hatte am Sonntag einen Suizid-Versuch unternommen. Er schwebte am Montag noch in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft gab am Dienstag bekannt, dass sie einen Brief von Thurin erhalten habe, der ein Datum kurz vor seinem Suizidversuch aufwies. Zum Inhalt machte die Staatsanwaltschaft keine Angaben. Sie ging auch nicht auf frühere Briefe Thurins ein, in denen der Ex-Krankenpfleger laut Medienberichten andere Beschuldigte in der Affäre belastet haben soll. (APA/AFP, 27.1.2015)

  • Denis Roucou (Mitte), Präsident des Gerichts in Bordeaux im Bettencourt: Ein medizinisches Gutachten soll nun klären, ob die entscheidende Zeugin im Verfahren befragt werden kann.
    foto: epa/caroline blumberg

    Denis Roucou (Mitte), Präsident des Gerichts in Bordeaux im Bettencourt: Ein medizinisches Gutachten soll nun klären, ob die entscheidende Zeugin im Verfahren befragt werden kann.

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