Experten: Österreichs Forschung befindet sich im "Stagnationsstress"

27. Jänner 2015, 15:24
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Dynamik der Jahre vor der Krise im F&E-Sektor gebrochen - OECD-Experte ortet hohe "Dichte an heiligen Kühen" in Österreich

Wien - Der Aufholprozess, den Österreich im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) hingelegt hat, wurde von der Krise deutlich gebremst. Das führte dazu, dass Institutionen aufgebaut wurden, die jetzt um langsamer wachsende Mittel kämpfen. Man befinde sich im "Stagnationsstress" und eine baldige Trendumkehr sei eher nicht in Sicht, hieß es Montag Abend bei einer Diskussion in Wien.

Das 2011 in der Forschungsstrategie der Bundesregierung festgeschriebene Ziel, die Forschungsquote bis 2020 auf 3,76 Prozent zu steigern (aktuell 2,88 Prozent), sei noch "im Geiste der Wachstumsphase" formuliert worden, erklärte der Innovationsforscher Wolfgang Polt in der Diskussionsreihe "Club Research". In Zeiten von "Austerität-light" im F&E-Bereich sollte jetzt darüber nachgedacht werden, "an den Zeichentisch zurückzukehren" und Zielsetzungen und Strategien zu überdenken, so der Direktor des Forschungsbereichs "Policies" bei Joanneum Research.

Österreich ist nicht allein

Obwohl es beispielsweise den forschenden österreichischen Unternehmen relativ gut gehe, sei "die Dynamik vergangener Jahre gebrochen", attestierte auch Rudolf Lichtmannegger von der Wirtschaftskammer. Damit stehe Österreich aber alles andere als alleine da, sagte OECD-Innovationsexperte Gernot Hutschenreiter. Es zeige sich eindeutig, dass viele Länder bei den Investitionen in F&E hinter den Erwartungen zurückbleiben. Besonders groß sei die Diskrepanz in vielen Ländern Südeuropas, während Asien und vor allem China stark aufholen.

Vor diesem Hintergrund würden nun auch viele starke Forschungsnationen an der Neuausrichtung ihrer Strategien und Förderinstrumente arbeiten. Von außen gesehen bescheinigt der OECD-Experte Österreich eine besonders hohe "Dichte an heiligen Kühen", was den Spielraum für größere Veränderung entsprechend reduziere. Insgesamt gebe es einen Trend dazu, als Antwort auf die Krise Forschungs- und Innovationspolitik stärker zu betonen, so Hutschenreiter. Allerdings bleibe es bisher meist bei Willensbekundungen seitens der Politik, meinte Polt.

Öffentliche Investitionen wichtig

Damit wieder mehr Dynamik entsteht, brauche es vor allem "massive öffentliche Investitionen", wie etwa große Infrastruktur-Programme. Die laut Polt "unwürdige Diskussion" rund um den Breitbandausbau in Österreich stimmt den Innovationsforscher allerdings skeptisch. Zudem wisse man momentan nicht, "wer was mit welchem Effekt fördert". Das erschwere eine mögliche Verringerung der heiligen Kühe stark.

Die ehemalige Präsidentin der Europäischen Forschungsrates (ERC) und nun Vorsitzende des Beratungsgremiums ERA Forum Council Austria, Helga Nowotny, sieht die zentrale Aufgabe der Politik neben der Bereitstellung von ausreichend Mitteln für die Forschung vor allem darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jungen Menschen ermöglichen, sich im F&E-Bereich zu qualifizieren und nachhaltig Fuß zu fassen. So gelte es beispielsweise endlich attraktive Karrierewege für Jungforscher an Hochschulen zu etablieren. Im Rahmen der Leistungsvereinbarungen könnte man auch andenken, mehr Geld kompetitiv an einzelne Unis zu vergeben, wenn diese etwa Maßnahmen in Richtung Internationalität setzen. (APA, 27.01.2015)

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